»Geh Du nur, mein Kind, die Zerstreuung wird Dir wohlthun; überdies haben wir auch fest zugesagt.«
»Ich gehe ja, liebe Mutter,« sagte Paula leise, wandte sich ab und schritt ihrem Zimmer zu, in dem sie bald verschwand.
»Mama,« sagte George, der ihr schweigend nachgesehen hatte, während die Mutter an den Tisch gegangen war, auf dem ein paar illustrirte Journale lagen, »wenn ich nur eine Ahnung davon hätte, daß sich Paula mit Hubert wirklich unglücklich fühlen könnte, ich wüßte nicht, was ich thäte!«
»Unglücklich« – sagte die Gräfin, ruhig den Kopf herüber und hinüber wiegend, ohne sich aber nach George umzudrehen – »denkst Du, daß wir selber die Verbindung zugeben würden, wenn wir das fürchteten?«
»Sicher nicht, Mama, sicher nicht; aber – Paula hat sich in den letzten zwei Tagen recht verändert, und – wenn ich sie nicht so genau kennte und nicht wüßte, daß es unmöglich wäre, so würde ich wahrhaftig glauben, sie hätte irgend eine andere heimliche Zuneigung.«
»Meinst Du?« rief die Gräfin, sich jetzt scharf ihm zuwendend. »Hast Du irgend einen Verdacht? Auf wen?«
George schüttelte mit dem Kopf. »Ich schöpfte Verdacht,« sagte er, »nur ihres bleichen Aussehens und Trübsinns wegen – aber auf wen? Ich wüßte Niemanden zu nennen oder zu errathen, und so scharf ich sie auch in diesen Tagen beobachtet habe, ich konnte nicht das Geringste entdecken, was ihn bestätigt hätte. Ich weiß mich auch in der That auf Niemanden zu erinnern, den sie nur im Mindesten ausgezeichnet, ja, mit irgend einem Antheil erwähnt hätte, und mit mir spricht sie doch über Alles und plaudert frisch von der Leber weg, was ihr gerade auf die Lippen kommt. Verstellungsgabe hat sie gar nicht – ihre Seele ist so rein wie ein Spiegel.«
Die Gräfin sah ihren Sohn fest, aber wie in Gedanken an; ihre Seele war in dem Moment nicht bei dem Blicke und schweifte vielleicht zu anderen Zeiten, anderen Scenen hinüber; aber wie ein Schatten zog das über ihre Stirn, und sie sagte, nur langsam dabei mit dem Kopf nickend:
»Du hast Recht, George, so würde sich Paula nie verstellen können, und wäre dem wirklich so, dann hätte sie doch ein Wort davon gegen mich oder Deinen Vater geäußert, wenigstens eine Andeutung dahin fallen lassen. Es ist Laune bei ihr, weiter nichts, und Du wirst sehen, wie vollständig sich das schon in den nächsten Tagen giebt.«
»Das will ich recht von Herzen hoffen, Mama,« sagte George mit einem Seufzer, »denn so könnte ich das nicht mit ansehen. Wenn mir nicht der arme Hubert leid thäte, wahrhaftig, ich würde Euch selber bitten, die Verlobung wenigstens noch eine Zeit lang hinaus zu schieben, daß auch Paula erst klar mit sich würde.«