Erst bei Felix' Eintritt hob sie das Antlitz, und zwar wie erschreckt, als ob sie gefürchtet hätte, jemand Anders dort zu sehen.

»Muth, Muth, mein Herz,« rief ihr Felix fröhlich zu; »wir rücken jetzt dem Augenblick, den Du so lange herbeigesehnt, rasch entgegen, und das Glück selber hat uns darin begünstigt – willst Du jetzt den Muth verlieren?«

»Nein, Felix,« sagte Helene freundlich; »zürne mir nur nicht, daß mich eben das so schnelle Nahen des Augenblicks bestürmt, und – Du weißt, ich bin ja manchmal wie ein thörichtes Kind – mit Angst erfüllt. Es ist aber doch vielleicht nur die Unruhe der Erwartung.«

»Gewiß, nichts weiter, liebes Herz.«

»Aber wie wollen wir es möglich machen, die Mutter hier unter den vielen fremden Menschen allein zu sprechen? Es wird nicht angehen, und wir werden den Moment wieder versäumen und auf's Neue lange, lange hinausschieben müssen.«

»Das ist mir auch schon im Kopf herumgegangen,« sagte Felix sinnend. »Zuerst hatte ich gedacht, daß Du vielleicht einen Vorwand fändest, sie in Dein eigenes Zimmer zu führen, aber ich hatte dabei gehofft Dich ruhiger zu treffen, als Du wirklich bist; ich darf Dich nicht mit ihr allein lassen, und es wird mir nichts Anderes übrig bleiben, als sie direct zu bitten, nach der Leseprobe noch einen Augenblick zu verweilen.«

»Sie wird es nicht thun.«

»Doch, mein Herz,« nickte Felix, »sie wird es thun, denn sie kennt jetzt unser Geheimniß – sie muß es kennen nach dem Namen, den ich ihr genannt, und wer weiß, ob sie sich nicht selber danach gesehnt hat, Dich aufzusuchen, und nur noch nicht wußte, auf welche Weise das am besten und am wenigsten auffallend geschehen könne. Wir kommen ihr damit auf halbem Wege entgegen, und sie wird die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, sich mit Dir auszusprechen, darauf kannst Du Dich verlassen, wie auch immer sie gesinnt sein möge.«

»Meine Mutter!« flüsterte Helene, indem sie beide Hände gegen ihr Herz preßte.

»Ich bin fest davon überzeugt, Schatz,« sagte Felix, dem jetzt Alles daran lag, seine Frau zu beruhigen; »denke doch nur, wie peinlich für sie ein solcher Zustand auf die Länge der Zeit werden würde, uns in ihrer Nähe zu haben und dann immer nur zu scheinen, als ob sie uns fremd wäre. Sie wird die Gelegenheit mit Freuden ergreifen, Dich allein zu sprechen, und wenn sich die Gattin auch jetzt noch vielleicht dagegen sträubt, die ihr fremd gewordene Tochter anzuerkennen, die Mutter wird der Umarmung ihres Kindes nicht widerstehen können.«