Die nächsten Tage brachten in Haßburg nicht viel Neues. Jahrmarkt und Vogelschießen waren vorbei, und die gewöhnliche Erschlaffung nach allen solchen Wochen lang dauernden Aufregungen trat ein. Nur die Haßburger Jugend amüsirte sich noch eine Zeit lang auf dem Platz, wo die Buden gestanden hatten oder vielmehr noch standen oder eben abgerissen wurden, um einen Blick in die oft sehnsüchtig, jedenfalls neugierig umlagerten Heiligthümer zu gewinnen. Und wie oft wurde diese Ausdauer mit Erfolg gekrönt, denn jetzt lag den Besitzern ja doch nichts mehr daran, ihre Sehenswürdigkeiten jedem sterblichen Auge verborgen zu halten. Die Zeit war um, in der sie vom Magistrat concessionirt gewesen, Geld für das Anschauen derselben zu nehmen; von denen, die hier umherstanden, zahlte ihnen doch keiner mehr Entrée, und das »Aufladen« wurde ziemlich öffentlich betrieben.
Nicht geringe Schwierigkeiten bot es dabei der wißbegierigen Jugend, um heute im Sonnenlicht und in Alltagskleidern die verschiedenen Persönlichkeiten wieder herauszufinden, deren Leistungen sie vielleicht noch gestern Abend bei dem Licht einer Anzahl von Öllampen und im bunten, phantastischen Flitterputz bewundert und angestaunt hatten.
»Du, das ist der, der gestern Abend das Feuer gefressen hat und sich den Degen bis in den Magen stieß,« rief einer der Jungen seinem Nachbar zu, indem er ihm den Ellbogen in die Seite rannte.
»Ach, dummer Junge, der doch nicht in der grünen Jacke!«
»Der mit der langen Troddel an der Mütze, gewiß; ich sag' Dir, ich kenn' ihn. Gestern hatt' er 'nen rothen Kittel an. Siehst Du, jetzt macht er's gerade so wieder, wie gestern mit dem linken Bein – das ist er.«
»Und Du, das ist das kleine Mädchen, das auf dem Seil tanzte – na, sieht die aber heute aus!«
Die Jungen hatten in ihrer Unschuld Recht. Die beiden bezeichneten Individuen glichen heute Morgen auch nicht im Entferntesten ihrem gestrigen Ich und sahen ruppig genug aus. Der Mann ging in großcarrirten Hosen, trug eine gestickte Mütze mit einer wohl eine halbe Elle langen Troddel von unächter Quaste, und war in eine grüne, abgeschabte Pikesche gekleidet. Das Mädchen trug einen zerfetzten Kattunrock und darüber ein altseidenes, von Fettflecken starrendes Tuch – und wie unbeschreiblich prächtig waren sie ihnen gestern dagegen erschienen.
Der Jugend blieb aber nicht lange Zeit, sich mit dem Studium der verschiedenen Charaktere zu befassen, denn Einer rief es in diesem Augenblick dem Andern zu, daß die Thierbude ausgeräumt würde, und Alles drängte dorthin, um einen Blick auf die wilden Bestien gratis zu bekommen.
Boshafter Weise hatten die Wärter allerdings die verschiedenen Kästen mit Matten und alten Decken verhangen, so daß nichts frei blieb, als einige Affen und ostindische Arras, die aber von keinem Interesse waren, da sie den ganzen Markt über außen an der Bude der Schaulust des Publikums preisgegeben gewesen. Hier und da rutschte aber doch einmal ein oder der andere Vorhang bei Seite oder war nicht gut genug befestigt und glitt, das Innere des Käfigs enthüllend, nieder.
»Der Eisbär!« ging dann der Ruf durch die ein Hurrah ausstoßende Jugend. »Hast Du ihn gesehen? Und das war der eine Löwe!«