»Ach bewahre, das war ein Leopard.«

»Ja, Du weißt's – ich habe den Schwanz und das ganze Hinterbein gesehen.«

»Du, da ist der Seehund – hurrah!« schrieen die Jungen, als das fragliche Thier, durch die ungewohnte Bewegung vielleicht, aus seinem Faß oder Kübel hinausschnellte und von dem zuspringenden Eigenthümer wieder zurück in sein nasses Element geworfen wurde.

Es gab so viel zu sehen, das kleine Volk wußte gar nicht, wohin es sich zuerst wenden, was es zuerst anstaunen sollte, und doch starrte das nackte Elend fast aus all' diesen halbzerrissenen Schaubuden dem Sonnenlicht entgegen. Bleiche, überwachte Gesichter, schlecht und ärmlich gekleidete, aber trotzdem mit unächtem Schmuck bedeckte Gestalten, widerliche rohe Kerle, die brennende Cigarre im Munde; abgelebte, verdrossene Frauen oder freche Dirnen, die mit den Vorbeipassirenden ihre nichts weniger als zarten Scherze trieben. Und dabei hämmerten die Zimmerleute, warfen die Dächer der Buden hinab, wo die bisherigen Inhaber derselben sie noch nicht einmal vollständig geräumt hatten, und allerlei wunderliches Fuhrwerk hielt dabei mitten zwischen den verschiedenen Haufen von »Künstlern«, Kindern, Hunden, Ponies und Affen, um ihre bunte Fracht aufzunehmen und dann einen andern Platz, eine andere Stadt zu suchen, wo sie ihr trauriges Geschäft fortsetzen und ihr Leben fristen konnten.

Und wie froh waren die Insassen der benachbarten Häuser, daß dieses wüste Toben und Treiben, dem sie eine volle Woche hatten still halten müssen, nun doch endlich einmal seinen Abschluß gefunden! Wie weggefegt waren die Drehorgelspieler und Mordgeschichten-Ausschreier, die Fleckenreinigungs- und Glasdiamanten-Männer, die blinden Bergwerksbesitzer und Luftballon-Jungen. Kein Kameel drückte mehr der nordischen Promenade seine Fährten ein, kein Bärenpaar balgte sich unterwegs zum Entsetzen harmloser Kindermädchen. Es war vorbei, das Vogelschießen beendet, und die Stadt lag wieder still und ruhig wie immer, die Bewohner derselben gingen auf's Neue ihren gewohnten Beschäftigungen nach.

Und doch bereitete sich schon wieder eine neue Aufregung für die Stadt vor, die aber dieses Mal nur in bestimmten und bevorzugten Kreisen blieb: die Ankunft des Erbprinzen, die am ersten Abend eine Festvorstellung im Theater eröffnen und am zweiten ein Ball beschließen sollte, zu dem der größte Theil der haute volée und sogar auch sehr viele bürgerliche Familien geladen waren. Wie viele Hände setzt aber ein solcher Ball in Bewegung, denn was für eine Masse von Putz und Staat wird für einen solchen Abend aufgespart und zur Schau gestellt, und wie viel unsagbare Mühe kostet es, bis alle die nothwendigen Ingredienzen, vom weißen Atlasschuh bis hinauf zum dominirenden Haarschmuck, ausgewählt, geprüft, verworfen, verändert und endlich für brauchbar befunden, zusammengetragen und zur wirklichen Benutzung hergestellt sind!

Und wie wird da geschneidert und gestärkt, gewaschen, aufgeputzt und abgemessen, und was für große Berathungen finden – bei geschlossenen Thüren und im Corset – statt, und mit welcher Wichtigkeit wird das Alles betrieben, als ob das Wohl der einzelnen Familienglieder davon abhange – und wie wünschen sich die Töchter, daß der Abend schon da – und Vater und Mutter, daß er erst vorüber wäre!

Dieser Hast des Zusammenbauens stand aber das Theater nicht nach, denn es hatte sich herausgestellt, daß »Hamlet« als Festvorstellung nicht genügen würde. Der junge Prinz – oder der alte Hofmeister vielleicht – liebte nämlich auch Ballet, und da es sich doch nicht gut in den »Hamlet« einlegen ließ (obgleich einige Directoren doch vielleicht einen Geistertanz in der Kirchhofsscene möglich gemacht haben würden), so war beschlossen worden, in den Zwischenacten, und zwar nach dem ersten und dritten Act, eine besonders zu dem Zweck herbeigerufene Balletgröße springen zu lassen.

Das gab jetzt Proben. Der Theaterdiener kam gar nicht mehr von den Füßen, ausgenommen wenn er unterwegs einmal aus Versehen in ein Bierhaus hineinfiel, wo er dann wunderbarer Weise fast jedesmal den Souffleur Mauser traf. Dieser benutzte nämlich die verschiedenen Zwischenpausen auf das Geschickteste, um sowohl seinen Durst wie Ärger mit einem oder verschiedenen Gläsern Bier hinunter zu waschen. Jede Probe und Vorstellung erfüllte ihn aber auch mit neuem Gift, denn er konnte noch immer nicht die Zeit vergessen, wo er selber da oben auf den Brettern gestanden und seiner Lunge freien Lauf gelassen hatte. Aber es war nicht gegangen – Chicane natürlich arbeitete dagegen an: das Publikum zeigte sich in den ernstesten Scenen heiter, und der Director behauptete, daß er seine Rolle zu Schanden schriee. Da wurde er aus Rache Souffleur, und der Ingrimm kochte mit ihm im Kasten drin.

Und heute erst – heute war der Erbprinz angekommen, und Alles drängte auf den Straßen zusammen, um ihn vorüberfahren zu sehen; nur in den düsteren Theaterräumen hatte man keine Zeit dazu, denn dort wurde die Generalprobe für den heutigen Abend abgehalten, und Handor wußte kein Wort mehr von seiner Rolle.