Graf George war den ganzen Tag abwesend, denn er hatte in der Stadt alle Hände voll mit der Inscenesetzung seines Stückes zu thun, welche auf der Privatbühne einer andern befreundeten Familie in Haßburg stattfand. Wie erschrak er freilich, als er hörte, daß die junge Gräfin Rottack gleich nach der Leseprobe unwohl geworden sei und einen ganzen Tag das Bett hüten mußte. Er fürchtete schon einen neuen Schlag für sein Theater. Glücklicher Weise war es aber nur ein leichtes Unwohlsein gewesen, und sie fühlte sich schon am nächsten Morgen wieder wohl genug, die einmal übernommene Pflicht auch zu erfüllen.

Aber wie viel gab es für den armen jungen, daran gar nicht gewöhnten Grafen noch dabei zu thun, und wie geheimnißvoll mußte das Alles betrieben werden! Was für Mühe hatte es außerdem gekostet, das kleine, schon lange nicht mehr benutzte Privattheater im Schlosse selber wieder in Stand zu setzen, ohne daß Paula etwas davon merkte – und nur der geringste Verdacht würde ja die ganze Überraschung zerstört haben. Paula schien ihm aber dabei ordentlich selber in die Hände zu arbeiten, denn sie sah nichts von Allem, was um sie her vorging, und war nie zufriedener, als wenn sie ungestört und allein in ihrem Zimmer bleiben oder im Garten auf und ab gehen konnte.

Recht bleich und angegriffen sah sie aus, das konnte selbst dem jungen, leichtherzigen Grafen nicht entgehen, und er hatte sie oft gefragt, ob sie sich unwohl fühle, aber immer eine entschieden verneinende Antwort erhalten. Sollte sie sich wirklich in der Verbindung unglücklich fühlen? Aber Hubert war solch ein herzensguter und tüchtiger Mensch, sie mußte glücklich an seiner Seite werden, noch dazu, wenn sie sah, wie glücklich sie die Eltern dadurch machte. Das gab sich auch gewiß schon nach den ersten Tagen: nur das Neue der Situation, nur der Gedanke, in ein vollkommen fremdes Leben selbstständig einzutreten, machte sie jetzt so befangen und zerstreut und raubte ihren Wangen die sonst so blühende Farbe, ihren Augen den gewohnten freundlichen Glanz. Damit beruhigte sich George vollkommen, und hatte auch in der That jetzt so viel und so Verschiedenes zu denken, daß er gar nicht recht zu Besinnung kommen konnte. Die Schwester hätte ihm auch wirklich gar keinen größeren Gefallen thun können, als daß sie sich still und abgeschlossen hielt.

Paula war in der Zeit viel im Garten und ihr liebster Spaziergang der nach dem alten Thurm, wo sie Stunden lang allein und träumend saß und nach den fernen Bergen hinüberschaute. War sie doch auch jetzt von ihrer Gouvernante oder Gesellschafterin vollständig erlöst, die sich allerdings noch im Hause befand, aber alle Macht über sie verloren hatte.

Graf Monford wollte, daß seine Tochter sich frei und unabhängig fühlen lernen sollte, ehe sie das elterliche Haus verließ, und Paula dankte ihm das wenigstens aus vollem Herzen.

Auch heute Morgen war das junge Mädchen erst langsam auf der Terrasse eine Zeit lang auf und ab und dann ihrer Lieblingsstelle zugegangen, und George hatte mit Schmerzen auf den Augenblick gewartet, wo er sie in den Büschen verschwinden sah, denn eine neue Decoration, mit deren Anfertigung sich der Maler verspätet hatte, lag schon seit zwei Stunden im Hinterhalt und konnte nicht in das Schloß geschafft werden, so lange er jeden Augenblick der Gefahr ausgesetzt war, daß die Schwester plötzlich aus ihrem Zimmer treten und ihm die ganze Freude stören möchte.

Jetzt war sie fort, und eben wollte er den Befehl geben, die etwas unbehülflichen Versetzstücke rasch herbeizuschaffen, als Mademoiselle Beautemps auf dem Schauplatz erschien. Daß die nicht schweigen konnte, wo sie nur die Ahnung hatte, daß es ein Geheimniß galt, wußte er aus Erfahrung, und die mußte deshalb ebenfalls unter jeder Bedingung entfernt werden.

»Ah, Mademoiselle,« rief er ihr zu, »wo haben Sie denn gesteckt? Paula hat Sie schon seit einer Viertelstunde gesucht.«

»Die Comtesse mich?« rief die Französin, nicht ohne Grund erstaunt; »das wäre wunderbar.«

»Ja gewiß, sie ist in den Garten gegangen, um Sie dort zu suchen. Im Park oder am alten Thurm werden Sie sie finden.«