Mademoiselle schüttelte mit dem Kopf, folgte aber doch der Weisung und nahm ebenfalls die von Paula eingeschlagene Richtung.

»So, nun aber rasch,« lachte George fröhlich vor sich hin; »tummelt Euch, Ihr Leute, in zehn Minuten muß Alles im Hause und hinter verschlossenen Thüren sein, damit uns die Damen nicht wieder in den Weg kommen, denn das Fräulein wird bald wieder abgefertigt werden. Was Paula nur denken wird,« schmunzelte er dann leise vor sich hin, »daß ich ihr die alte Französin über den Hals schicke; aber heut Abend erzähl' ich ihr, weshalb.«

Die Leute sprangen mit gutem Willen zu, und die verschiedenen Coulissen und Versetzstücke wurden rasch in's Schloß und die Treppe hinauf gebracht. Nur der alte Jonas schüttelte den Kopf dazu, daß sie auch noch gemalte Bäume in das Haus schleppten, wo er selber schon Alles in einen blühenden Wald verwandelt hatte, und schimpfte auf die ungeschickten Träger, die ihm da und dort an den Ecken die aufgestellten Blumenstöcke umgeworfen und sogar ein paar Töpfe zerbrochen hatten. Nichts wie Ärger mit dem unnützen Volk, das nicht einmal eine Distel von einer Camellie unterscheiden konnte und so rücksichtslos mit der einen wie mit der andern umging.

Mademoiselle Beautemps wandelte indessen in majestätischer Haltung den Weg entlang, den vor ihr, leicht wie ein scheues Reh, Paula geschlüpft war, und wunderte sich im Stillen, was die Comtesse von ihr haben wolle, da sie sich in der letzten Woche kaum mit einem Blick um sie gekümmert hatte.

Ihre Stellung hier war überhaupt eine unhaltbare geworden, so strenge Gewalt sie auch bis noch vor ganz kurzer Zeit über die einzige Tochter des Hauses ausgeübt. Der alte Graf selber mochte sie dabei nicht leiden, wie sie recht gut fühlte, und sie war auch schon fest entschlossen, nicht, wie es vorher bestimmt, bis zur Vermählung der Comtesse hier auszuhalten, sondern gleich nach der Verlobung die Familie zu verlassen. Was sollte sie auch noch länger hier, wo sie doch nichts mehr befehlen durfte und von keiner Seite geliebt, nur von der Gräfin selber noch gehalten wurde? Die Comtesse haßte sie ja doch, das wußte sie genau, und das Gefühl war gegenseitig.

Albernes, eigenwilliges Ding, vom Glück verzogen, von ihren Eltern und ihrer ganzen Umgebung verwöhnt, nur nicht von ihr – beim Himmel, nicht von ihr! Hatte sie sich nicht aufgeopfert für das alberne Geschöpf und sogar eine Stelle bei der Fürstin Negitchow ausgeschlagen, und welchen Dank dafür gehabt, als stummen Gehorsam und ein verdrossenes Wesen? Und jetzt mußte sie auch noch erleben, daß sie die reichste und beste Partie im ganzen Lande machte und dann jedenfalls mit Stolz und Hochmuth auf sie herabgesehen hätte; dem wenigstens wollte sie entgehen, den Kelch sich ersparen und morgen – sie war fest dazu entschlossen – ihre Stellung aufgeben und dann auch ohne Weiteres Haßburg verlassen.

Mit diesen Gedanken, die langen, mageren Arme vor sich fest in einander geschlagen, die Brauen zusammengezogen und die dünnen Lippen eingekniffen, schritt sie vorwärts und erreichte jetzt, den Windungen des mit Büschen besetzten Weges folgend, das kleine Plateau, auf welchem der alte Thurm stand.

Von hier aus konnte sie freilich noch nicht die ganze Terrasse überblicken; wie sie aber um den Thurm herumschritt, sah sie Paula, die dort, den Ellbogen auf die niedere Mauer gestützt, unter einer der Aloevasen lehnte und einen kleinen, rosafarbenen Zettel in der Hand hielt, der ihre Aufmerksamkeit ausschließlich in Anspruch zu nehmen schien. So vertieft war sie in denselben, daß sie nicht einmal das Nahen der sonst so gefürchteten Gouvernante bemerkte, und erst als sie deren Schritt auf dem knisternden Kies hörte, hob sie rasch erschreckt den Kopf und knitterte zugleich das kleine Blatt wie unwillkürlich in ihrer Hand zusammen.

»Mademoiselle!«

»Gnädige Comtesse sind so angelegentlich beschäftigt, daß Sie mein Kommen nicht einmal gewahrten,« sagte die Französin mit einer fast spöttischen Höflichkeit, indem ihr Blick scharf und forschend bald auf den Zügen des jungen Mädchens haftete, bald zu der Hand hinflog, die noch immer das Blatt, aber jetzt verborgen, hielt.