Er hatte den Nachmittag dieses Tages in fieberhafter Unruhe und Ungeduld verbracht, denn er stand an einem Wendepunkt seines Lebens, und die nächsten Stunden mußten entscheiden, ob es zum Guten oder zum Bösen neigen würde.

Liebte er Paula wirklich und aufrichtig? Er hatte an sein eigenes Herz noch nie die Frage ernst gestellt, denn er wußte, daß es keiner solchen Neigung fähig sei. Er liebte nur sich selbst; nur sein eigener Ehrgeiz, sein eigenes Wohlbefinden stachelte ihn an, und das liebliche Grafenkind mit einer halben Million im Hintergrunde reizte natürlich seine Begierden. Er merkte bald, daß er einen Eindruck auf sie gemacht; die Aufstellung eines Liebhabertheaters bot ihm erwünschte Gelegenheit, ihr in einer Weise zu nahen, die ihm unter anderen Verhältnissen unmöglich gewesen wäre, und Paula, überhaupt sinniger und schwärmerischer Natur, glaubte in ihm das Ideal ihres Lebens gefunden zu haben.

Daß er an Rang, Vermögen und Bildung tief unter ihr stand, achtete oder sah sie nicht; die Klagen des routinirten Liebhabers rührten ihr Herz und machten ihr Mitleid mit seinen erheuchelten Leiden rege. Die übermäßige und unvernünftige Strenge dabei, mit der sie von einer hartgesottenen Gouvernante bewacht wurde, reizte sie zum Widerstande, und sie vergaß sich zuletzt so weit, dem Geliebten heimlich Zusammenkünfte zu gestatten.

Sie allerdings sah darin nichts Arges; ihr Herz hatte sich ihm so rein und voll hingegeben, so gut und lieb und brav erschien er ihr in allen Stücken, daß sie ihm auch mit ihrer Liebe ihre Ehre anvertraute und selig träumend Monden lang an einem Abgrund stand.

So verschlossen aber ihr dabei sein wahres und inneres Gemüth geblieben, so vollkommen hatte ihr Handor in das, keines falschen Gedankens fähige Herz gesehen und bald gefunden, daß sie an ihm mit der ganzen Kraft ihrer Seele hange. Er war ihre erste heilige Liebe; sie fühlte das Bedürfniß einer Brust, in die sie die Gefühle der ihrigen ausgoß, sie fühlte das Bedürfniß, zu lieben und zu vertrauen, und da ihre eigene Mutter wohl stets freundlich, aber nie, nie herzlich mit ihr war, ihr nie gestattete, ihr so zu nahen, wie ein Kind der Mutter nahen soll, und besonders alle Gemüthsbewegungen als mit ihren Nerven nicht verträglich auf das Sorgfältigste mied und von sich hielt, wuchs diese Liebe Paula's zu dem einzigen Wesen, dem sie sich ganz und ungetheilt hingeben konnte, endlich zu einer Leidenschaft an, die sie selbst erschreckt haben müßte, wenn sie sich je derselben klar geworden wäre.

Handor benutzte das mit kalter Berechnung. Er wußte recht gut, daß der stolze Graf nie seine Einwilligung zu der Verbindung seiner einzigen Tochter mit einem bürgerlichen, pfenniglosen Schauspieler geben würde, so lange er nicht mußte, aber er zweifelte auch keinen Augenblick, daß er sich endlich, dazu gezwungen, fügen und sein Kind nicht verstoßen oder ihm doch jedenfalls eine Summe zur Verfügung stellen würde, die dem Rang der jungen Gräfin entsprechend war – und mehr verlangte er nicht. Damit hatte er Alles erreicht, was er wollte, und dahin arbeitete er jetzt.

In Haßburg konnte er sich doch nicht länger halten. Seine Schulden waren zu einer Höhe angewachsen, die selbst des Versuches spottete, sie zu decken, und die Geduld seiner Gläubiger hatte sich erschöpft. Der nächste Monat schon konnte deshalb eine Katastrophe herbeiführen, die Alles vernichtete, was er bis dahin aufgebaut, und so scheu er den entscheidenden Schritt bis jetzt noch immer hinausgeschoben, so wurde er selber nun dazu gedrängt.

Der Erste des Monats nahte, für den er die volle Gage theils schon verschleudert hatte, theils noch in der Tasche trug; Rebe hatte ihm schon seinen Secundanten geschickt, er konnte ihm nicht ausweichen, die Verlobung kam dazu, und Paula hatte ihm gesagt, daß Vater und Mutter ganz im Stillen ihre Vorbereitungen träfen, um gleich am andern Morgen Haßburg auf längere Zeit mit ihr zu verlassen. Da erhielt er noch von Paula durch die Post einen Brief, den sie der Terrasse nicht hatte anvertrauen mögen, und er erhielt die wenigen, inhaltschweren Worte:

»Wir müssen fliehen. Das Schrecklichste ist geschehen – ich bin elend mein ganzes Leben. Sei heute Abend vor neun Uhr mit einem Wagen am Drahtthor des Parks. Jetzt auf ewig die Deine.«

Und heute Abend »Hamlet«! Handor lachte bitter vor sich hin, doch sein Director machte ihm wenig Sorge. Mit dem Brief war aber die Entscheidung seines eigenen Geschickes unmittelbar in seine Hand gelegt, und es blieb ihm keine Wahl mehr.