»Bist Du fertig, mein Kind? Das ist recht; es wird auch in der That die höchste Zeit, denn es hat schon geschlagen und unsere Gäste müssen jeden Augenblick eintreffen. Aber Du siehst recht bleich aus, Paula; Du hättest wahrhaftig ein klein wenig rouge auflegen sollen.«
»Meine Mutter!« rief Paula und wollte sich in überströmendem Gefühl an ihre Brust werfen.
»Ma fille,« rief aber die Mutter, erschreckt zurücktretend, »Du zerdrückst mir den ganzen Kragen, ich bin ja in voller Toilette, Kind! Komm, komm, das geht nicht, diese Aufregung paßt nicht für einen Moment, wo man eben Gäste empfangen will. Und Thränen – um Gottes willen, Du wirst im Saal mit rothen Augen erscheinen, und was soll dann Dein Verlobter von Dir denken?«
Paula faßte ihr Herz mit der Hand, als ob es zerspringen wollte, – sie vermochte kein Wort darauf zu erwidern.
»Keine Aufregung heut Abend, liebes Kind,« fuhr die Mutter fort, indem sie den in der That schon etwas derangirten Kragen vor dem Spiegel wieder in Ordnung brachte; »morgen früh halten wir einen großen Familienrath, wir Beide zusammen, und da sollst Du mir Dein Herz ausschütten nach Herzenslust – ich bin schon in der That hinter ein paar von Deinen kleinen Geheimnissen gekommen; heute aber haben wir keine Zeit dazu.«
»Morgen, liebe Mutter, morgen? O Gott, was liegt Alles zwischen dieser kurzen Zeit!«
»Viel, in der That, mein Töchterchen: der erste entscheidende Schritt zu Deinem ganzen künftigen Lebensglück – geh ihn getrost, Du wirst es nie bereuen. – Aber da fährt wahrhaftig schon ein Wagen vor; rasch, Kind, die Thränen fort; bade die Augen ein wenig in kaltem Wasser, und bleib nicht lange, der Vater wird sonst böse!« Und mit den Worten rauschte sie mit ihrem schweren Stoffkleid aus dem Zimmer und in den Empfangssalon, um dort die zuerst eingetroffenen Gäste zu begrüßen.
Paula blieb, als die Mutter sie verlassen, mit gefalteten Händen, mit bleichem Antlitz in der Stube stehen. Endlich flüsterte sie leise:
»Und kein Mitleid, kein Gefühl für das eigene Kind – nicht einmal ausweinen an ihrem Herzen durfte ich meinen Gram! Oh, Mutter, Mutter, ahnst Du denn, wie furchtbar weh Du mir damit gethan? Aber nein, nein, sie kann nicht selber fühlen, was mir die Brust hier mit qualvoller Pein zerreißen will; ihr Gott ist der Ehrgeiz, dem selbst das eigene Kind geopfert werden soll – daß das selber einen Willen, ein Gefühl, ein Verlangen haben könnte, scheint ihr entweder nicht möglich oder ist so unbedeutend, daß es keine Beachtung verdient! So lebe wohl, Mutter! Wenn ich denn allein im Leben stehen soll, will ich mir auch die Bahn allein suchen! Gott schütze Euch und mich, aber Er weiß, ich kann nicht anders!«
Eine eigene, feste Entschlossenheit kam über das junge Mädchen, fast noch ein Kind. Ihr Auge blickte klarer, ihr Schritt wurde entschiedener, und rasch trat sie zum Waschtisch, badete ihre Augen in klarem Quellwasser, ordnete sich das Haar wieder ein wenig, festigte eine locker gewordene Blume in ihrem Schmuck und legte dann selber die kostbaren Brillanten um Nacken und Arme, die sie am letzten Weihnachten von ihrem Vater erhalten hatte. Das Alles nahm ihr auch nur wenige Minuten Zeit; rasch war sie damit fertig, und noch einen Blick in den durch zwei Girandolen erleuchteten Spiegel werfend, schritt sie in den Empfangssaal hinüber.