Der Mutterblick ruhte wohlgefällig auf ihr, als sie sah, in wie kurzer Zeit und wie vollkommen ihre Tochter alles Andere von sich abgeschüttelt, was ihr den heutigen Abend zu trüben drohte – ach, wenn sie hätte in ihr Herz sehen können!

Aber ein eigener unnatürlicher und starrer Trotz war über das sanfte, hingebende Kind gekommen: – der Entschluß, sich der Macht, die sie in Fesseln schlagen wollte, für Lebenszeit und gegen ihren Willen, nicht zu beugen, und nur ein einziges Mal schrak sie noch zusammen und fühlte, wie ihre Glieder zitterten. Es war der Moment, in dem der ihr bestimmte Bräutigam, Graf Bolten, den Saal betrat.

Und wie Glück und Freude strahlend sah Graf Bolten aus, als sein Blick ungeduldig im Saal umherflog, die ihm bestimmte Braut zu suchen, und sie jetzt erkannte! Wie rasch glitt er, nicht einmal die Eltern zuerst begrüßend, auf sie zu und flüsterte, ihre Hand ergreifend:

»Meine Paula, meine liebe, liebe Paula, wenn Sie wüßten, wie unaussprechlich glücklich mich der heutige Tag macht!«

»Sie sind sehr gütig, Herr Graf!« stammelte Paula, tief erröthend, denn dem Manne gegenüber war sie sich einer Schuld bewußt.

»Herr Graf? Wie kalt das klingt!« rief Hubert vorwurfsvoll. »Hab' ich mir noch keinen besseren Titel verdient, als die fremde, kalte Form? Seien Sie freundlich mit mir, Paula; mein ganzes Lebensglück liegt ja in Ihren Händen. Lassen Sie es mich mit einem Lächeln, nicht mit einem Trauerblick empfangen!«

»Lebensglück, Du großer Gott,« sagte Paula mit einem Seufzer, »wer von uns armen Sterblichen weiß, was die nächste Stunde für ihn birgt? Hoffen Sie auf kein Glück, Herr Graf; die Enttäuschung wäre zu furchtbar und schmerzlich nachher!«

»Hoffen dürfen wir, liebe Paula,« sagte Hubert herzlich, »es ist das schönste Vorrecht des Menschen und sein Trost und Stab. Lassen Sie mir immer die Hoffnung, die mir Ihr lieber Anblick frisch und warm in's Herz gießt – aber was Plaudern wir da,« brach er lachend ab, »so ernst und feierlich, als ob wir zu einem Begräbniß und nicht zu einer Verlobung gingen. – Da kommt auch die Mama, die wird böse, wenn sie nicht freundliche Gesichter sieht.«

Die Gräfin kam in der That heran, und Hubert sah sich für die nächste Zeit überhaupt von allen Seiten in Anspruch genommen, da das Geheimniß der Verlobung ja doch nur ein öffentliches war und alle Welt ihm ihre Glückwünsche darbringen wollte.

»Und wo steckt George? Ich habe ihn noch mit keinem Blick gesehen.«