»Weiß ich's denn selber? Ich liege hier auf der Lauer, um irgend ein unglückliches, passendes Individuum abzufassen, das mir in den Weg läuft. Glücklicher Weise sind es nur ein paar Worte zu sprechen, aber es ist eine Hauptsache, die nicht wegbleiben kann.«
»Hast Du denn sonst Alle zusammen?«
»Rottacks fehlen noch; das wäre jetzt ein Hauptspaß, wenn die auch ausblieben – dann schösse ich mir eine Kugel über den Kopf weg...«
»Aber, George...!«
»Über den Kopf, Mama; ich würde außerordentlich vorsichtig zielen, daß ich kein Unglück anrichtete. – Aber, beim Himmel, da kommt Fräulein von Bazcow angefahren. Die entere ich, die thut mir auch den Gefallen!«
»Aber wir sind mit den Leuten erst so kurze Zeit bekannt!«
»Bah, zu Rottacks bin ich am nächsten Tag gegangen – da kommen auch Rottacks – Hurrah, nun bring' ich die Sache doch noch am Ende zu Stande!«
Und fort schoß er mit weiter nichts im Kopf, als der glücklichen Durchbringung seines Liebhabertheaters.
Rottacks fuhren in der That in dem Augenblick vor, und Helene sah bleich und erregt aus, hatte sie doch die stolze Gräfin seit jenem Abend nicht wieder gesehen, da diese den verschiedenen Proben nicht mehr beiwohnte und sie jetzt ein erneutes Begegnen ordentlich fürchtete. Aber es half nichts; der Verpflichtung gegen George konnten sie sich nicht entziehen. Er vor Allen war gerade immer so liebenswürdig und herzlich mit ihnen gewesen, und es hätte ihn zu sehr gekränkt; das durfte nicht sein. So mußten sie denn der Gesellschaft beiwohnen, und gerade die Gesellschaft schützte sie ja auch vor einem für beide Theile vielleicht peinlichen Zusammentreffen mit der Gräfin. In großen Gesellschaften wie in einer großen Stadt kann man, wenn man will, allein sein und sich von der übrigen Welt abschließen; in kleinen Cirkeln und Städten ist es unmöglich. In der Gesellschaft verdeckt die Form auch alles Andere, denn sie besteht nur aus vorgeschriebenen Bewegungen und Situationen, wie ein Schauspiel fast auf offener Bühne, wo sich die im gewöhnlichen Leben vielleicht feindseligsten Charaktere offen und herzlich in die Arme fallen. Auch in der Gesellschaft wird Haß und Liebe übertüncht, und nur die Höflichkeit und der gute Anstand regieren.
Helenens Befürchtung war deshalb auch ganz grundlos gewesen, denn an keinem andern Platz der Welt hätte sie nach der damaligen Scene besser mit ihrer Mutter wieder zusammentreffen können, als in diesem Kreise geputzter, fröhlicher Menschen. Und trotzdem schlug ihr das Herz ängstlich in der Brust, als sie den Saal betraten und die Gräfin auf sie zukam, um sie zu begrüßen. Aber die Gräfin war eine Weltdame; kein Zug ihres Antlitzes verrieth etwas Anderes, und durfte etwas Anderes verrathen, als Freude über das Erscheinen ihrer Gäste.