»Haben Sie nur Geduld mit ihr, Herr Graf,« sagte Helene; »es ist ja so natürlich, daß sie einer so gewaltigen Wendung ihres ganzen bisherigen Lebens nicht mit voller Ruhe und Sicherheit entgegengehen kann.«
»Ich habe auch Geduld mit ihr,« lächelte der Graf, »denn ich kenne meine Tochter, und sie wird mir noch einmal mit thränenden Augen danken –« und Paula freundlich zunickend und mit einer Verneigung gegen Helene schritt er zu dem andern Theil des Saales hinüber. – –
Unten in der Halle hatte der Haushofmeister eine Reihe von Bierfässern und Körbe voll Wein an die eine Wand reihen lassen, und nicht allein die Dienstleute des Gutes und die Forstbeamten und Holzhauer des benachbarten Waldes wurden dort frei gehalten, sondern wer von der Stadt heraufkam, erhielt, was er essen und trinken wollte, denn es sollte Keiner hungrig von der Schwelle gehen, auf der die Freude herrschte.
Das hatten sich denn auch eine Menge von Leuten zu Nutze gemacht, und der Platz hinter dem Schlosse, wohin sie sämmtlich gewiesen wurden, schwärmte von ihnen.
Auch der alte Maulwurfsfänger war mit heraufgekommen, aber er mischte sich nicht unter den Troß, ließ sich auch weder Getränk noch Speisen geben, und drückte sich eigentlich mehr in den Büschen herum, abseit von den Leuten. Es war fast, als ob er Jemanden suche oder erwarte.
Endlich kam der Förster den Weg herauf, seine Flinte wie immer auf dem Rücken, und blieb erst eine Weile da, wo der Weg auf den freien Platz ausmündete, stehen, um sich das fröhliche Treiben zu betrachten. Gefallen that's ihm nicht; ein ächter Jäger mag keinen Lärm leiden, ob er nun auf der Jagd ist oder nicht, denn immer an Ruhe und Stille gewöhnt, stört es ihn. Aber der Förster trank gern ein Glas Wein, und da sein Gehalt ihm nur Bier verstattete, und selbst das mäßig, war er doch auch einmal herüber in's Schloß gekommen, um mit seinem alten Freund, dem Haushofmeister, eine Flasche zu leeren. Der Holzhändler aus der Stadt und der Müller vom Bache gleich unter dem Forsthaus, wie der Schulmeister von Eslich, dem nächsten Dorf, hatten sich auch schon eingefunden und saßen in des Haushofmeisters Stübchen um den runden Tisch am Fenster, während sein eigener, besonders zu dem Zweck herüber bestellter Forstgehülfe nicht weit davon beschäftigt war, ein paar kleine Böller in Ordnung zu bringen, die gelöst werden sollten, wenn drinnen im Saal zuerst die Gesundheit des Brautpaars ausgebracht wurde.
Eben kam auch die Militärmusik vom nächsten Ort auf einem Leiterwagen angefahren, denn die hiesige hatte nicht abkommen können, da sie gleich nach dem Theater nothwendig zu dem beabsichtigten Fackelzug und einem Ständchen für den Erbprinzen gebraucht wurde.
Dem Maulwurfsfänger entging nichts von alledem. Seine kleinen grauen Augen blitzten nach allen Seiten, ohne daß irgend einer der hier Versammelten auch nur die geringste Acht auf ihn gehabt hätte; die Wenigsten bemerkten ihn sogar, und die ihn bemerkten, fanden es natürlich und ganz in der Ordnung, daß er sich ebenfalls zu diesem Feste eingefunden; gehörte er doch mit zu den Arbeitern im Schlosse, in dessen Park er in jeder Woche ein paar Mal zu finden war.
Der alte Bursche betheiligte sich aber nicht an dem Trinken. Wohl eine halbe Stunde lang, als der Förster schon längst in der Stube war, stand er noch halb versteckt in dem Gebüsch an einen Baum gelehnt. Dann erst, als er sich vollständig überzeugt hatte, daß der Forstmann fest hinter seinem Tisch und seiner Flasche Wein saß, zog er sich vorsichtig in das Dickicht zurück und umging jetzt, immer durch das Buschwerk kriechend, das Schloß.
Einmal mußte er freilich noch eine ganze Weile warten, denn wie er den einen Weg kreuzen wollte, standen dort Leute aus dem Dorf und plauderten miteinander. Endlich – und wie lang ihm die Zeit dabei wurde – zogen sie sich ebenfalls zum Schlosse hin, und er glitt jetzt, immer die Büsche haltend und alle offenen Wege vermeidend, der nämlichen Gegend zu, in der ihn damals der Förster bei seiner nächtlichen Fasanenjagd entdeckt, wenn auch nicht erwischt hatte. Aber nicht zu den Fasanen zog ihn dieses Mal sein Trieb des Wilderns.