Er selber stand hier vollständig gedeckt mit seiner dunkeln Kleidung im Schatten der Bäume; ihn konnte Niemand sehen, das wußte er gut genug, so lange er sich wenigstens nicht von der Stelle bewegte, und sich langsam dem neuen Geräusch zukehrend, erkannte er jetzt eine lichte Gestalt, der eine andere, dunkler gekleidete wie ein Schatten folgte. Beide schritten auf dem hier mitten durch die Wiese führenden Kiesweg entlang und eilten, allem Anschein nach, der Richtung zu, in der er das Pferd hatte schnauben hören.
»Das ist doch merkwürdig,« dachte er, indem er mit dem Kopf schüttelte, »da drinnen im Schloß fängt die Geschichte gerade an, und da sind zwei Damen, die jetzt schon genug davon haben? Und aus der Stadt können sie auch nicht sein, denn wie kämen die mit ihrem Wagen da hinten an das Gitter? Muß doch einmal nachher den Haushofmeister fragen. Oder ging' ich nicht lieber gleich selber hin und sähe zu? Die Sache kommt mir beinahe verdächtig vor und 'was Heimliches muß jedenfalls dahinter stecken.«
Der Förster stand noch unschlüssig, was er thun sollte, als sich der Lärm im Busch wiederholte, jetzt aber viel lauter und anhaltender, als vorher. Es schlug in den Büschen, als ob Jemand mit Gewalt durch ein Dickicht brechen wolle und nicht hindurch könne, oder an einem Busch risse, der nicht nachgeben wollte.
Selbst die beiden Frauen auf dem Weg schienen das Geräusch gehört zu haben, denn wie der Förster den Kopf noch einmal dorthin wandte, sah er, daß sie ihren Schritt beeilten, und besonders die erste in dem lichten Kleide flog wie ein gescheuchtes Reh den Weg entlang, während die andere, welche etwas zu tragen schien, nicht so rasch folgen konnte und eine Strecke zurückblieb. Zu jeder andern Zeit würde dem Förster diese nächtliche und, wie es schien, sehr eilige Wanderung der beiden Damen verdächtig vorgekommen sein und er wahrlich nicht versäumt haben, der Sache näher auf die Spur zu kommen. Aber da drin im Busche war etwas los; das klang jetzt genau, als ob sich ein Stück Wild irgendwo gefangen habe oder vielleicht im Todeskampf mit den Läufen austräte. Was kümmerten ihn die Frauenzimmer; sein Beruf lag dort im Busch drin, und sich den Hut fest auf den Kopf ziehend, daß er ihm nicht in der Dunkelheit von irgend einem vorstehenden Zweig abgeschlagen wurde, tauchte er rasch in den schmalen Streifen Dickicht ein, der die Wiese von dem Kiefernwäldchen abschied und etwa zwanzig Schritt breit sein mochte. War es doch nur eine Anpflanzung von Blüthenbüschen, um mit diesen die Lichtung zu verdecken, welche die hochstämmigen Kiefern bildeten.
Der Förster hütete sich dabei viel Geräusch zu machen. Während er aber selber durch die Büsche kroch, konnte er natürlich nichts hören, denn die Zweige rauschten zu viel neben ihm. Nur erst wie er den Rand und damit das offene Holz erreichte, hielt er wieder still und horchte; da drüben raschelte und schlug es noch, aber auch von links her glaubte er ein Geräusch zu hören, und als er den Kopf dorthin wandte, vernahm er die Schritte eines Menschen, der sich unfehlbar in dem dichten Schatten jenes angepflanzten Fichtenstreifens hielt, denn zu erkennen war in der Dunkelheit und hier in einer Art von Wald nicht das Geringste.
So wie er selber aber nichts sehen konnte, so brauchte er jetzt auch nicht zu fürchten, von jemand Anderem gesehen zu werden, und vorsichtig aus dem Gebüsch heraustretend, glitt er mit auf den Kiefernadeln vollständig geräuschlosem Tritt der Richtung zu, nach der er die Schritte und jetzt auch noch das immer stärker werdende Rascheln in den Büschen hörte.
Wer es sei, der hier bei Nachtzeit in dem Dickicht herumsprang, ließ sich allerdings nicht unterscheiden, ja, der Förster hatte noch nicht einmal die Gestalt erkennen können; aber das blieb sich gleich. Wer sich auch hier befand, war auf faulen Pfaden und hatte hier nichts in der Nacht zu suchen, und die Flinte gespannt in der rechten Hand, den Finger am Bügel, um rasch damit nach dem Drücker herunterfahren zu können, glitt er so leise, aber auch so rasch, wie er möglicher Weise konnte, weiter auf seiner Bahn.
Das Geräusch der Schritte hörte er dabei, als er einen Moment anhielt, um zu horchen, eine kurze Strecke vor sich; jetzt ließ es sich nicht mehr unterscheiden, da es aus einer Richtung mit dem andern kam, das stärker und heftiger wurde, aber genau auf der nämlichen Stelle blieb. Der Förster war nahe genug gekommen, um sicher zu bestimmen, daß es aus dem schmalen Fichtenstreifen herrührte, der an dem jetzt draußen angebauten Haferfeld entlang lief. Was, um Gottes willen, war da nur los? Hatte sich ein Stück Wild gefangen – Schlingen? Zum ersten Mal zuckte es dem alten Forstmann durch den Sinn: dort war eine Schlinge gestellt, und er ertappte den Verbrecher jetzt auf frischer That.
Der Maulwurfsfänger indessen, mit keiner Ahnung, daß ihm sein grimmigster und gefährlichster Feind so dicht auf den Fersen sei, sprang so rasch er konnte der Richtung zu, in der er das gefangene Wild mit den Läufen schlagen hörte. Er achtete dabei nicht einmal auf seinen kleinen Spitz, der dicht hinter ihm folgte, dem aber das Geräusch in der Nachbarschaft dabei nicht entgangen war.
Das kleine kluge Thier stutzte und knurrte leise, denn es wußte recht gut, daß es nicht laut werden durfte – der Maulwurfsfänger hatte es schon seit langen Jahren darauf dressirt, – aber sein Herr hörte nicht. Er lief ihm nach, bis er dicht hinter ihm war, und knurrte stärker, aber mit nicht besserem Erfolg. Der Maulwurfsfänger, von der Leidenschaft ergriffen, hörte und sah nichts weiter, als seine Beute. Der Förster saß, er hatte ihn selber gesehen, in der Stube des Haushofmeisters hinter einer Flasche Wein; der Forstgehülfe war mit den Böllern beschäftigt, weiter hatte er Niemanden zu fürchten, und es blieb ihm da übrig Zeit, den Lohn für seine Mühen zu nehmen und fortzuschaffen. Und mit Einem Sprung in das Dickicht hinein, war er auf dem gefangenen Schmalthier und genickte es ab.