Jetzt war Alles todtenstill – nein, da drinnen regte sich 'was, und sein Spitz, der in diesem Augenblick dicht hinter ihm stand, knurrte lauter.
»Was giebt's, Spitz?« rief der Alte erschreckt. »Kommt Jemand?«
Der Spitz knurrte noch einmal und schlug plötzlich laut an; der Wilddieb erschrak, denn das war ein untrügliches Zeichen, daß ihm Gefahr in unmittelbarer Nähe drohe. Fast unwillkürlich griff er freilich nach der Schlinge, um diese zu lösen und seine Beute frei zu bekommen; aber die Hände zitterten ihm dabei, und er horchte gespannt nach den Kiefern hinüber.
Lange in Zweifel sollte er aber nicht bleiben. War der Förster schon überhaupt in nächster Nähe, durch den Todeskampf des Thieres der richtigen Stelle zugelenkt worden, so verrieth jetzt das Bellen des Hundes nicht allein den genauen Punkt, sondern auch den, mit dem er es hier zu thun hatte.
»Hab' ich Dich endlich einmal erwischt, Dich neunhäutige Canaille?« schrie er, indem er in die jungen Fichten hineinsprang, während er mit der Linken sein Gesicht gegen die schlagenden und stachlichten Büsche schützte, in der Rechten aber noch immer das gespannte Gewehr hielt. »Steh, Schuft, oder ich schieße Dich wie einen tollen Hund über den Haufen!«
Der Maulwurfsfänger hatte im Nu die Gefahr erkannt, aber er verlor seine Besinnung nicht. Der Förster durfte nicht schießen, das wußte er recht gut, die Gesetze verboten es; vor ihm lag das weite Haferfeld, und mit drei Schritten Vorsprung hätte ihn der Alte im Leben nicht eingeholt. So half es denn nichts; die schon sicher geglaubte Beute mußte er freilich im Stich lassen, aber für sich selber fürchtete er auch keinen Moment, und mit einem leisen, eigenthümlichen Pfiff, den sein Spitz gut genug kannte, richtete er sich empor und sprang über das erlegte Stück hinweg, um das Freie zu gewinnen – aber hier fing er sich im wahren Sinne des Worts in seiner eigenen Schlinge.
Der starke Messingdraht war nämlich hoch genug gespannt, um den Kopf eines Stück Wildes in seinen Bereich zu bringen, wonach er dann, sobald sich etwas darin gefangen hatte, auf der einen Seite losriß, damit die Schlinge auf der andern desto fester angezogen werden konnte. Das Wildkalb hatte aber, von der Gewalt, die es festhielt, fortdrängend, seinen Kopf auf die entgegengesetzte Seite gebracht, und als es im Todeskampfe zusammenbrach, drückte es hier den Messingdraht mit sich nieder. Wenn sich aber der kleine, schwanke Fichtenstamm, an welchem derselbe befestigt war, auch halb niederbog, so blieb der Draht doch an jener Seite höher gespannt, was der Mann natürlich in der Dunkelheit nicht sehen konnte. Als er deshalb über das Wildkalb hinwegsprang, hakte sein einer Fuß darin, und ehe er den andern vorbringen konnte, um sich zu stützen, verlor er das Gleichgewicht und schlug der Länge nach auf den Boden nieder.
Der Förster, welcher jetzt dicht an ihm war, bekam hier einen freieren Blick, als unter den dunkeln Kiefern, da schon das lichte Haferfeld den Hintergrund bildete. Er hatte die aufspringende Gestalt auch bemerkt, und trotz seiner Jahre noch immer ziemlich rüstig, zögerte er keinen Augenblick, den Verbrecher zu packen. Sprang er dann in das Feld, ei, in die Beine durfte er ihn schießen, das war erlaubt, das wollte er wenigstens verantworten, oder dachte auch vielleicht in dem Augenblick gar nicht einmal daran, ob da eine Verantwortung nöthig sei. Nur erst einmal haben, das Andere fand sich alles nachher. Da sah er, wie der Flüchtling auf den Boden niederschlug, er hörte den Fall und setzte mit einem Jubelruf hinterdrein.
Hier aber störte ihn der Spitz, der ihm mit Wuthgekläff nach den Beinen fuhr, so daß er unwillkürlich erschreckt zur rechten Seite hinüberprallte, wo er ebenfalls gegen den starken Draht stieß. Das aber war kein Hinderniß. Ein Tritt nach dem Hund machte ihm einen Augenblick Luft; den Draht hielt er in der Hand und bückte sich geschwind darunter durch, und so rasch war das Alles gegangen, daß er dem zu Boden Geworfenen schon die Hand auf den Rock legte, als sich dieser von der Erde wieder emporschnellte und jetzt mit Einem Satz in's freie Feld hinausfliehen wollte.
Aber so leicht ging das nicht mehr. Der alte Förster hatte ihn wie mit eisernem Griff am Rock, und fühlte jetzt nicht einmal, daß ihm der Köter wieder nach den Beinen fuhr.