»Steh, Hund!« schrie er, die Flinte noch immer mit der Rechten haltend, »oder, Gott straf' mich, ich schieß' Dich zusammen!«
»Alter Tropf,« zischte der zur Verzweiflung getriebene Wilddieb zwischen den Zähnen durch, »Du hältst mich noch nicht!« Und den Arm herumwerfend, schnitt er ihm mit dem scharfen Genickfänger, den er noch immer in der Hand hielt, quer durch das Gesicht hinüber. In demselben Moment that er einen Ruck, und während der Förster, durch Schmerz und Schreck übermannt, einen Augenblick in seinem Griff nachließ, riß er sich los und sprang jetzt, nicht in das offene Haferfeld, sondern in das Fichtendickicht hinein, wohin ihm der Alte mit der Wunde gar nicht folgen konnte.
Der Förster fühlte, wie ihm das Blut in's rechte Auge rann, und fast rasend vor Wuth, riß er die Flinte an die Backe und drückte ab. Sehen konnte er nichts, denn die Gestalt des Flüchtigen war schon im Dickicht verschwunden; nur die Richtung hielt er, und fast unwillkürlich tief, um keinen Mord zu begehen. Aber zeichnen wollte er den Halunken, daß er ihm morgen seine Thäterschaft beweisen konnte, und kein Gericht in der Welt hätte ihn deshalb, wie er meinte, verurtheilen dürfen.
Erst mit dem Schuß selber kam er eigentlich wieder zur Besinnung und horchte jetzt in den Wald hinein, während er sich mit der linken Hand in's Gesicht fühlte. Heiland der Welt, was ihm der Schuft für einen Schnitt versetzt hatte, und wie das brannte und blutete! Seine ganze Hand war naß, und er fühlte, wie ihm der warme Strom in den Bart hineinlief. Aber nichts regte sich im Gebüsch; war der Bursche doch in's freie Feld hinausgeflohen? Er sprang dort hinüber, aber er konnte nichts sehen. Das rechte Auge war schon völlig zugeklebt, und vor dem linken flimmerte es ihm wie tausend Sterne und Lichter.
Da drinnen war es ihm eben, als ob er etwas hätte rascheln hören; jetzt Alles wieder ruhig, es konnte eine Maus gewesen sein – oder hatte er den Menschen todtgeschossen?
Es fing an ihm unheimlich da draußen allein im Walde zu werden – und wie ihn sein Gesicht schmerzte! Was konnte er auch weiter jetzt hier thun? Es blieb am besten, er ging zurück in's Schloß, um dort seinen Bericht abzustatten und sich die Wunde verbinden zu lassen, es wurde ihm überhaupt schon so weich und schwach um's Herz und in den Gliedern. Das war ein schöner Festabend, wo er einmal hatte recht vergnügt sein wollen; Jesus, wie mußte er jetzt aussehen und die Leute erschrecken, wenn er dort zurück zu den fröhlichen Menschen kam – und heute gerade Verlobung! Aber allein wäre er nicht mehr im Stande gewesen, sein eigenes, fast eine halbe Stunde entferntes Forsthaus zu erreichen; er wollte, daß er erst die kurze Strecke nach dem Schloß zurückgelegt, so schwer, so furchtbar schwer wurden ihm die Glieder.
Draußen am Haferrand konnte er nicht hingehen; dort war ein tiefer Graben, über den er jetzt nicht zu springen wagte. Er taumelte in das Kieferwäldchen zurück, um wieder auf den freien Kiesweg im Innern des Parks zu kommen. Dort hatte er auch nicht mehr so weit nach dem Schlosse. Jetzt erreichte er die Büsche, die ihn noch vom Wege trennten; dort hindurch führte irgendwo ein schmaler Pfad, aber wie sollte er den jetzt finden? Er mußte gerade hindurch, und wie weh das that, wenn ihn einer der Zweige auf die Wunde schlug, und wie schwindelig er wurde! Es war ihm ordentlich, als ob der Boden unter seinen Füßen schwanke; aber weiter, nur weiter, daß er wieder zu Menschen, zu Hülfe kam und dort seine Geschichte erzählen konnte.
Jetzt sah er den lichteren Grasplatz vor sich – da war auch der Weg – Gott sei Dank! Den Park entlang galoppirte ein Reiter, was das Pferd laufen wollte; war das der Maulwurfsfänger? Aber wo hatte der so schnell das Pferd herbekommen? Es wurde ihm immer schwächer zu Sinn; seine Gedanken verwirrten sich, weite, glänzende Regenbogen flimmerten ihm vor den Augen und der ganze Park drehte sich mit ihm. Hatte er denn auch die rechte Richtung eingeschlagen und lag das Schloß dorthin zu oder dort drüben? Er war ganz irre geworden und blieb stehen; wie ihm die Kniee zitterten! Er streckte den Arm aus, um sich an etwas zu halten; aber die tastende Hand griff nichts weiter, als die elastischen Zweige der nächsten kleinen Büsche.
Noch that er einige Schritte vorwärts über den Weg hinüber auf den Rasen; er fühlte, daß er umsinken müsse – dann schwanden ihm die Sinne und er brach ohnmächtig, wo er stand, zusammen.