Lautlose Stille herrschte in dem Festsaal, als der alte Graf ihn verlassen hatte und nicht zurückkehrte. Man wußte, es war etwas geschehen – aber was? Die Gräfin behauptete noch immer ihren Platz; ein Diener war an ihr vorbeigegangen und hatte ihr einige Worte zugeflüstert. Sie hielt sich stolz aufrecht und suchte ruhig auszusehen. War es möglich, noch einen Eclat zu vermeiden? Der Gedanke allein hielt ihre Sinne gefesselt.
Helene befand sich in einer furchtbaren Unruhe. Irgend etwas mußte vorgefallen sein. Selbst die Diener sahen verstört aus – irgend etwas Entsetzliches – und Paula's Aufregung vorher! – Aber die Musik, die hinter ihrem Vorhang nichts davon bemerkte, spielte noch immer den Festmarsch weiter.
»Meine Gnädige,« flüsterte der Staatsrath seiner Nachbarin zu, »wie mir scheinen will, fallen wir mit unserem Tannhäuser vollständig aus der Rolle. Die Verwirrung tritt schon ein, ehe der Festmarsch zu Ende ist, und jetzt wird gleich der Chor der Pilger erschallen. Ich fürchte, wir bekommen heut Abend nichts zu essen.«
»Das wäre entsetzlich!« sagte das alte Stiftsfräulein mit einem giftigen Blick über die Tafel. »Und doch hat der Graf da Silber genug aufgeschichtet, um das Banket eines Kaisers zu überfüllen.«
»Ich habe einen starken Verdacht, daß die Platten – plattirt sind,« flüsterte der Staatsrath.
»Wohl möglich,« meinte das Fräulein; »lieber Gott, es ist ja Alles Schein heutzutage auf der Welt!« – und sie hatte wirklich Ursache, so zu reden, denn sie selber trug falsche Locken, falsche Zähne und falsche Wattirungen, und der Staatsrath, mit einem boshaften Blick über ihre Gestalt, flüsterte:
»Wie Recht haben Sie, meine Gnädige! Aber da kommt George, er sieht blasser aus, wie gewöhnlich.«
Der alte Graf Bolten, der sich bis jetzt außerordentlich ruhig gehalten und nicht von seinem Platz bewegt hatte, ging auf ihn zu, nahm seinen Arm, flüsterte einen Augenblick mit ihm und verließ dann den Saal.
»Was ist, George?« sagte die Gräfin. »Warum kommt der Vater nicht zurück? Wo bleibt Paula? Unsere Gäste warten...«
»Ein plötzliches Unwohlsein hat den Vater ergriffen,« sagte George mit heiserer, fast tonloser Stimme. »Es thut mir leid, die Gesellschaft zu stören; ich fürchte, er wird nicht bei der Tafel erscheinen können.«