»Können Sie mir nicht sagen, Freund, was vorgefallen ist?«
»Der große Gott weiß es!« sagte der Alte, und die Thränen standen ihm in den Augen – »aber Geheimniß kann's nicht mehr bleiben: die junge Comtesse ist fort und Graf Bolten ihr nach. Draußen im Park fiel eben ein Schuß, die Diener wollen mit Fackeln hinaus – das überlebt der alte Herr nicht.«
»Großer Gott, Paula?« rief Helene. Felix aber, ihr selber den Mantel umwerfend und ihren Arm in den seinen ziehend, führte sie hinaus in's Freie.
Nicht so rasch kam die übrige Gesellschaft fort. Viele der Damen, ja, die meisten trugen weiße Atlasschuhe, da man sehr stark auf einen kleinen Ball gerechnet hatte. Sollten sie in diesen den weiten Weg in die Stadt zurücklegen? Aber die Wagen konnte man doch auch unmöglich hier erwarten, und ein anderes Haus war nicht in der Nähe. Boten über Boten wurden jetzt vorausgeschickt, Leute waren dazu genug versammelt, um die Wagen zu beordern, daß sie wenigstens entgegenkamen, oder an Droschken auftrieben, was sich finden ließ – am Theater hielten jetzt eine Menge –, und wie die wilde Jagd hetzten eine Anzahl von jungen Burschen den Weg hinab und an Rottacks vorüber.
Immer leerer wurde es oben im Schlosse, immer unheimlicher. George selber war auf einem zweiten Pferd davongesprengt – wohin? Er wußte es selber nicht.
In Paula's Zimmer stand die Gräfin und las ein kleines Briefchen, das sie versiegelt auf der Tochter Toilettentisch gefunden. Ihr Gesicht war marmorbleich, aber keiner ihrer eisenharten Züge verrieth, welche Gefühle in diesem Augenblick ihr Inneres bewegten.
In dem Zettel, der »An meine Eltern« überschrieben war, standen nur folgende wenige Worte: »Lieber Vater, liebe Mutter! Ich kann den jungen Bolten nicht heirathen, ich würde unglücklich mein ganzes Leben sein. Ich liebe mit aller Kraft meiner Seele Rudolph Handor und werde sein Weib. Oh, verzeiht Eurer armen Tochter!«
Sie faltete das Billet zusammen, kleiner und kleiner, bis es einen dünnen Streifen bildete, und fast mechanisch hob sie es dann empor zum Licht, entzündete es und sah zu, bis es sich verzehrte, ja, die Spitzen ihrer weißen Glacéhandschuhe versengte. Dann schritt sie langsam hinüber zu ihrem Gatten, der noch immer bewußtlos auf einem Sopha lag, während ihm der Haushofmeister mit zitternden Händen kalte Umschläge um die Schläfe machte. Der alte Graf Bolten stand daneben, die rechte Hand auf den Tisch gestützt, in starrer Ruhe und verwandte keinen Blick von dem unglücklichen alten Manne.
Drei Boten waren nach verschiedenen Ärzten gesandt, um sie rasch herbeizurufen; sie konnten aber noch nicht da sein, der Weg war zu weit.
Die Gräfin trat in's Zimmer; Graf Bolten rührte sich nicht und wandte ihr den Blick nicht einmal zu. Sie zog ihre weißen Glacéhandschuhe aus, nahm dem Haushofmeister das nasse Tuch ab und sagte tonlos: