»Er hat mir fast gar keine gegeben,« sagte die Frau leise; »er behauptet, ich wäre gar nicht krank, wenigstens könne er nichts entdecken, was eine ernstliche Cur verlange. Nur vor Gemüthsbewegungen solle ich mich hüten und nur besonders keine traurigen Gedanken machen, denn es sehe ihm beinahe so aus, als ob mich nur die Furcht vor einer Krankheit wirklich krank gemacht hätte.«
»Also mache Dir keine traurigen Gedanken!« lachte Pfeffer.
»Und kann ich denn anders?« sagte die Frau leise. »Sehe ich denn nicht das arme Kind, das Jettchen, den ganzen Tag vor mir, wie es immer ruhig, immer freundlich, mit keiner Klage auf dem Herzen auch mit jedem Tage elender wird und sich verzehrt, und nur Abends, wenn sie glaubt, daß ich schlafe, ihre Schmerzensthränen still und heimlich fließen läßt? Das arme Jettchen! Aber was führt Dich noch so spät hierher, Jeremias? Es ist doch nichts vorgefallen? Lieber Gott, ich habe jetzt immer eine solche Angst, als ob irgend etwas recht Schlimmes eintreten müsse!«
»Und wenn's nun etwas recht Gutes wäre, Auguste,« sagte Jeremias, der sich die ganze Zeit verlegen die Hände gerieben hatte – »etwas recht Gutes?«
»Recht Gutes?« rief die Frau aufmerksam werdend. »Ihr seht mir Beide so sonderbar aus, und diese späte Stunde!«
»Wo steckt denn das Jettchen?«
»Hier ist sie schon, Onkel,« rief das junge Mädchen, die Thür öffnend. »Guten Abend Vater! Ich hatte kurz vorher kochend Wasser gemacht, weil die Mutter so hustete; das war den Augenblick wieder zum Kochen gebracht, und da hab' ich Euch Beiden eine Tasse Thee aufgegossen. Onkel trinkt ihn ja doch gern, wenn er Abends nach Hause kommt, nicht wahr?«
»Aber doch nicht um Mitternacht, Schatz; doch nun setze Dich einmal dahin. Wie, Jeremias, nicht wahr? wir wollen den Beiden jetzt einmal eine Geschichte erzählen?«
»Was hast Du nur, Onkel?«
»Dahin setzen und ruhig zuhören; erst gieb mir aber einmal den Zucker her.«