Beide begrüßten ihn auf das Herzlichste. George selber war aber so bewegt, daß er anfangs gar nicht im Stande schien, ihre freundlichen Worte zu erwidern. Endlich sagte er leise:

»Was müssen Sie von mir denken, wenn ich schon wieder mit einer Bitte nahe, die aber dieses Mal freilich keinen heitern Scherz betrifft!«

»Lieber Graf,« sagte Rottack herzlich, »Sie wissen, wie willkommen Sie uns immer waren, aber nie mehr, als gerade jetzt, wenn Sie uns Hoffnung machen, daß wir Ihnen in Ihrem Schmerze beistehen können!«

George erwiderte kein Wort, aber er preßte fest die Hand, die er in der seinigen hielt. Sie wurden gestört, denn die Bonne kam herein, um die Kinder abzuholen, und Helenchen wollte nicht mitgehen, weil Günther noch einen kleinen Thurm aufgebaut hatte, den sie vorher umwerfen mußte. Der Vater ließ sie gewähren, und indeß sie das Zimmer verließen, hatte George auch seine volle Ruhe wiedergewonnen. – Kaum schloß sich die Thür hinter ihnen, als er leise sagte:

»Sie wissen Alles, was gestern vorgefallen, und insofern ist es mir eine Erleichterung, daß ich das Entsetzliche nicht zu wiederholen brauche. Wohin sich Paula gewandt, ist unbestimmt, nur die Richtung, welche der Wagen letzte Nacht genommen haben muß, oder wir würden ihn sicher überholt haben, macht es wahrscheinlich, daß sie nach dem Rhein zu geflohen. Wer aber soll sie dort in jetziger Zeit, wo Tausende von Fremden auf und ab schwärmen, verfolgen? Trotzdem hatte ich die Absicht, die Reise heut Abend anzutreten; es ist aber möglich, daß ich daran verhindert werde, und in diesem Fall möchte ich Sie dringend bitten, Ihre Bemühungen mit den meinigen zu vereinigen.«

»Oh, so gern, so gern,« rief Helene, »wenn wir nur eine Andeutung bekommen können, nach welcher Himmelsgegend das unglückliche Kind entflohen!«

»Wohl ist sie ein unglückliches Kind,« sagte George ernst, »denn ich fürchte, sie gerieth in schlimme Hände; aber das zu bedenken ist jetzt zu spät, und nur den Versuch müssen wir noch machen, sie zu retten, ehe sie ganz verloren geht.«

»Und was sagen Ihre Eltern?«

»Von denen ist nichts zu hoffen,« seufzte George. »Die Mutter ist unerbittlich, und nur den Vater könnte ich vielleicht noch gewinnen, wenn nicht ein anderes Hinderniß dazwischen träte. Paula war immer des Vaters Liebling, mit seiner ganzen Seele hing er an der Schwester; deshalb traf ihn auch gestern die Schreckenskunde mit so furchtbarer Schärfe, daß wir schon das Schlimmste fürchteten. Er war ganz außer sich und phantasirte mit offenen Augen. Heute hat er sich erholt; er scheint die Nacht ruhig geschlafen zu haben und war heute Morgen, als ich das Schloß verließ, schon auf und am Fenster. Armer alter Mann, und was steht ihm vielleicht noch bevor!«

»Geben Sie die Hoffnung noch nicht auf,« rief Helene bewegt, »Gott kann noch Alles zum Besten lenken!«