Rebe nahm den Brief und las ihn laut:

»Mein lieber Herr Director! Ich möchte keine Zeit versäumen, Sie wohlmeinend vor einem voreiligen Schritt zu warnen. Rebe hat gestern Abend den Hamlet gespielt, und das Publikum, dadurch bestochen, daß er eine so große Rolle so rasch übernehmen konnte, war artig genug, ihn für die Gefälligkeit zu honoriren. Die Gegenwart des Erbprinzen trug dazu bei, die Leute etwas aufzuregen. Ich selber hatte eine Claque für Handor besorgt, die aus mißverstandenem Diensteifer das auf seinen augenblicklichen Nachfolger übertrug, und für den Abend war das gut. Lassen Sie sich aber um Gottes willen nicht verleiten, dem unglücklichen Menschen auch nur noch Eine Rolle anzuvertrauen. Er hat auch nicht die Spur von Talent, und ich werde ihm und dem Publikum das in meiner morgen erscheinenden Recension beweisen. Danken Sie Gott, daß Sie ihn los sind, denn Sie dürfen das Publikum gar nicht so in's Gesicht schlagen, ihm ein Subject wie diesen jungen Anfänger für einen Künstler einzuschieben. Aber meine Furcht ist gewiß grundlos, Sie denken wahrscheinlich eben so wenig daran, wie ich es hoffe. Nur das Interesse für unser Institut konnte mich bewegen, diese Zeilen an Sie zu richten.

Hochachtungsvoll Ihr ergebenster
Feodor Strohwisch.«

»Nun, was sagen Sie dazu?« fragte der Director.

»Weiter nichts,« lächelte Rebe, »als daß dieser selbe Herr Strohwisch heute Morgen in aller Frühe bei mir war, mir zu meinem gestern entwickelten Talent gratulirte und mir gegen ein mäßiges Honorar jede Unterstützung versprach.«

»Aber das ist doch nicht möglich! Sie sagten es ihm doch zu?«

»Ich gab ihm zu verstehen,« sagte Rebe, während ihm das Blut in die Schläfe stieg, »daß ich ihn, wenn er sich nicht gutwillig entfernte, die Treppe hinunterwerfen würde!«

»Da haben wir's!« rief der Director aus, indem er wie besessen von seinem Stuhl emporsprang und im Zimmer herumlief. »Unglückliches Menschenkind, wissen Sie denn nicht, daß Sie der Recensent – mit Respect zu melden – da wir doch unter uns sind – hier todt machen kann und auch wirktodt macht?«

»Durch sein Schimpfen?« sagte Rebe. »Mein lieber Herr Director, wenn ich mir dadurch meinen Platz am Theater wahren könnte, daß ich einen dieser erbärmlichen Lohnschreiber bezahlte, um mich zu loben, dann würde ich noch heute der Bühne, an der ich mit ganzer Seele hänge, den Rücken kehren.«

»Aber ändern Sie einmal die Welt,« rief der Director; »das Publikum glaubt nun einmal, was es gedruckt sieht.«