So bildet jedes Haus, jede für sich abgeschlossene Wohnung in der That eine eigene kleine, abgeschlossene Welt für sich selber. Da drinnen wird geboren, gelebt, gestorben, ohne daß der Nachbar mehr davon erfährt, als wir von jenen Sternen wissen, die Abends vom klaren Nachthimmel niederfunkeln; und während wir heute ein Fest feiern und die Gläser lustig zusammenklingen, drückt nebenan ein armes Weib dem Gatten die müden Augen zu, und weinend knieen am Bett die armen Waisen.
Aber die Welt rollt und mit ihr Fortuna's Rad, den einen Sterblichen hoch empor zu Glück und Freude hebend, während es zu gleicher Zeit vielleicht den Nachbar unter seinem Gewicht zermalmt. Und wie rasch wechselt das; wie sehnen wir thöricht oft den nächsten Tag, die nächste Stunde herbei, anstatt uns der gegenwärtigen zu freuen, und wissen doch nie, was in dem Schooße der herbeigesehnten für uns verborgen liegt; Dank dem Himmel, daß wir es nicht wissen!
Wie wenige Tage, ja Stunden fast, waren erst vergangen, daß man in Haßburg die Monford'sche Familie, über welche alle Gaben des Glücks verschwenderisch ausgestreut schienen, beneidete, und jetzt? Kummer und Leid waren in die prachtvollen Gemächer eingezogen, und doch hatte das Unglück erst begonnen, die gierige Hand nach ihnen auszustrecken.
Still und geräuschlos glitten heute die sonst so übermüthigen Diener durch die leeren Räume; scheu und lautlos thaten sie ihre Arbeit, und wenn einer dem andern etwas zu sagen hatte, geschah es nicht mehr mit fröhlichem Zuruf, sondern in leisem Flüstern.
Drinnen in seinem Zimmer, am offenen Fenster, den Kopf in die Hand gestützt, saß der alte Graf und starrte hinaus in's Leere. Er hatte sich von seinem gestrigen Anfall vollständig erholt, und der Ober-Medicinalrath war schon vor einer Stunde wieder in der gräflichen Equipage zurück in die Stadt gefahren. Was sollte er auch länger hier thun; die beiden Verwundeten konnte sein Famulus besorgen.
Der Graf hatte heute Morgen durch den Haushofmeister erfahren, daß der Maulwurfsfänger durch den Förster beim Wildern ertappt und in's Bein geschossen sei. Die Anzeige war in der Stadt gemacht worden und die Polizei herausgekommen, um den Thatbestand zu untersuchen. Aber was kümmerten den alten Herrn diese gleichgültigen Menschen, er hatte andere Dinge im Kopf; sie sollten ihn damit zufrieden lassen.
Da der Förster übrigens mit einem heftigen Wundfieber ebenfalls im Bette lag, ließ man ihn jetzt gewähren, um den Termin etwas später anzusetzen und zu untersuchen, ob er zu dem Schusse berechtigt gewesen, d. h. ob er ihn in Selbstvertheidigung gethan, und dagegen sprach allerdings, daß der Getroffene den Schuß nicht von vorn, sondern seitwärts und sogar mehr von hinten bekommen hatte. Man wollte den alten Maulwurfsfänger auch in das Krankenhaus bringen, aber der gerade dazu kommende Famulus des Ober-Medicinalraths litt das nicht. Wie er die Wunde genauer untersuchte, stellte sich heraus, daß der Knochen des Oberschenkels zersplittert war, und der Verwundete lag in einem so heftigen Fieber, daß an einen Transport gar nicht gedacht werden durfte. Die Polizei konnte hier vor der Hand gar nichts thun, nicht einmal an Ort und Stelle verhören, denn der Kranke phantasirte wild und toll durcheinander. Von den Beiden lief ihnen auch jetzt Keiner fort, und sie mußten eben ruhig liegen bleiben.
Die Gräfin befand sich in ihrem Zimmer; sie hatte es vermieden, heute Morgen mit ihrem Gatten zusammen zu treffen. Sie wollte ihn nicht wieder auf's Neue aufregen, wie sie dem Haushofmeister sagte. Ruhe war für ihn das Beste. Nach ihrem Sohne hatte sie einigemal gefragt, aber George war noch nicht zurückgekehrt. Sobald er kam, sollte er ihr gemeldet werden.
Es schlug gerade Zwölf auf der Schloßuhr, als er in den Hof einritt. Er stieg langsam die Treppe hinauf, zu dem Zimmer seiner Mutter, die aber erschrak, als sie seiner ansichtig wurde.
»Um Gott, George, wie siehst Du aus?« rief sie ihm entgegen, »Du bist krank; Dein Gesicht gleicht einem Todten.«