»Das ist nicht möglich, Mutter,« rief George bewegt, »so unnatürlich kann Dein Herz nicht denken! Paula war unser Aller Liebling, gut und unschuldsvoll, und daß die Zunge eines schlauen, bübischen Verführers sich in ihr Ohr zu stehlen wußte, oh, bedenke, daß es sie schon unglücklich gemacht, laß sie nicht auch damit die letzte Stütze verlieren, die sie auf der Welt hat, die Liebe, den Schutz ihrer Eltern!«
»Der ward ihr im reichsten Maß zu Theil,« entgegnete mit zusammengezogenen Brauen die Frau. »Kein Kind ist mehr geliebt und auf Händen getragen worden, wie dieses falsche, undankbare Geschöpf. Laß sie jetzt ernten, wo sie gesäet; auf unsere Liebe hat sie keinen Anspruch mehr.«
»Aber der Vater wird sie nicht verstoßen,« rief George heftig, »er kann es nicht, sie war von je sein Liebling!« Er wandte sich, als ob er zu ihm eilen und seine Hülfe anflehen wolle.
»Wenn Du ihn tödten willst,« rief die Mutter heftig, »dann gehe jetzt zu ihm und nenne ihm Deiner Schwester Namen! Er hat sich kaum von seiner Schwäche erholt und der Arzt streng befohlen, daß Alles ihm ferngehalten werden müsse, was ihn nur im Geringsten aufregen und an den erlittenen Verlust mahnen könne. Versuch' es, aber die Folgen auf Dich selber!«
»Großer Gott,« stöhnte George, »was für Hülfe kann die Unglückliche von fremden Menschen erhoffen, wenn die eigenen Eltern ihr Herz vor ihr verschließen?«
»Sie hat sich fremden Menschen in die Arme geworfen,« sagte die Mutter kalt, »fremde Menschen mögen ihr denn auch das ersetzen, was sie hier muthwillig von sich gestoßen; sie hat keine Eltern mehr.«
»Arme Paula!« seufzte George. »Aber Eins versprich mir, Mutter. Bist Du wirklich im Stande, ein Kind so von Deinem Herzen zu reißen, dann gestatte wenigstens fremden Menschen, sich desselben anzunehmen, und kommt ein Brief von Paula – sie wird und muß ja schreiben, – so sende ihn an Rottacks, die mir zugesagt...«
»Bist Du wahnsinnig?« rief die Mutter, ordentlich erschreckt emporfahrend. »An Rottacks? Und was haben die mit unserem Hause zu thun?«
»Es sind brave, treffliche Menschen, die Paula von Herzen lieb haben,« sagte George bewegt; »bei denen kann sie dann wenigstens Rath und Trost und vielleicht auch wieder den Weg zurück zum Herzen der Eltern finden. Willst Du mir das versprechen, Mutter?«
»Du bist von Sinnen!« sagte die stolze Frau finster. »Soll ich selber Fremden unserer Familie Schmach aufdecken? Ich begreife Dich nicht, George. Aber,« fuhr sie plötzlich aufmerksam werdend fort, »was sollen all' diese Reden? Bleibst Du denn nicht selber hier? Du sprichst gerade, als ob Du Vorbereitungen zu einer größeren Reise träfest.«