Eine Rettung des Briefes war nicht mehr möglich. Die Gluthhitze des Kamins hatte ihn in wenigen Secunden zerstört, nur noch ein kleiner Haufe schwarzer, krustender Asche lag auf den Kohlen. Der alte Mann ließ den Teller, den er in der Hand hielt, sinken, und ein paar helle Thränen glänzten ihm in den Augen; aber er sagte kein Wort weiter – er durfte nicht. Die Frau Gräfin hatte ihn ja schon in seine Schranken zurückgewiesen, und das noch nie nöthig gehabt, noch nie, so lange er zurückdenken konnte, die vielen, vielen Jahre. Er konnte nichts weiter sagen, es war ihm verboten worden, und daß er das Kind, die gnädige Comtesse, hatte mit erziehen helfen und ihre Jugend mit fast Vaterliebe überwacht, lieber Gott, er war ja nur ein Diener des Hauses, und das vielleicht mehr als seine Schuldigkeit gewesen; wie hätte er können Ansprüche darauf gründen, die ihm noch nie, selbst im Traum nicht, eingefallen waren!
Nur das Eine stand fest, das arme, verlassene Mädchen hatte geschrieben, an ihre Eltern geschrieben; in ihrer Macht war es gewesen zu erfahren, wo sie jetzt weile, wie es ihr gehe – und der Brief von der Flamme rettungslos und für immer zerstört worden! Mit dem Bewußtsein verbeugte sich der alte Mann demüthig, und mit einem recht schmerzlichen Blick auf seinen Herrn, der über den Tisch gebeugt saß und nur immer leise vor sich hin mit dem Kopf nickte, verließ er das Zimmer.
»Es ist Alles vorbei,« sagte der Graf flüsternd, als der Haushofmeister schon lange die Thür wieder hinter sich zugezogen hatte – »Alles vorbei, Alles vorbei! Wo nur George bleibt? Und so glücklich hätten wir sein können, so glücklich!«
Er nahm eine Zeitung auf, als ob er darin lesen wollte; aber die Buchstaben tanzten ihm vor den Augen, er sah nur ein großes Blatt Papier mit flimmernden Zeichen, und nur manchmal warf er den Blick fast wie vorwurfsvoll nach der Gattin hinüber – aber sie hatte doch Recht gehabt. Es durfte ja nicht sein, es durfte ja nicht sein, die Ehre des Hauses, stand auf dem Spiel, und der mußte jedes Opfer gebracht werden, jedes – selbst das eigene Kind!
Aber die Ehre des Hauses forderte noch mehr.
Wieder war eine kleine Zeit verflossen, da wurden draußen vor dem Hause Stimmen laut, als ob eine Anzahl fremder Menschen unten im Garten ankäme.
Die Gräfin horchte dort hinüber; jetzt war Alles wieder ruhig und die Hausthür ging auf und fiel wieder zu. Dann sprangen einzelne Leute im Schloß selber rasch vorüber. Was war das?
Sie ergriff die neben ihr stehende Glocke und drückte darauf, daß der Ton hell und laut durch den stillen Raum schallte. Niemand gehorchte dem Ruf. Wo war der Diener, den seine Pflicht in das Vorzimmer bannte? Die Gräfin wiederholte ungeduldig das Zeichen.
Da öffnete sich rasch die Thür und einer der jüngsten Lakaien stürzte mit verstörtem Angesicht herein.
»Was ist, Charles? Was habt Ihr da draußen? Weshalb hört Niemand?«