»Alle Wetter, Sie wären in der That ein brauchbares Mitglied! Handor mußte immer vierzehn Tage Zeit haben, und nachher haperte es noch. Überlegen Sie sich nur die Sache mit den Freibillets noch einmal; ich gebe Ihnen mein Wort...«

»Ich werde es mir überlegen, Herr Director,« unterbrach ihn Rebe, »und bei jeder Stunde Nachdenken finden, daß ich so und nicht anders handeln konnte.«

»Sehr schön, Herr Rebe,« sagte der Director trocken, »dann wollen wir einmal am nächsten Mittwoch sehen, wie dick die Mauer sein wird, an der Sie Ihren Kopf zu versuchen gedenken. Guten Morgen!«

»Guten Morgen, Herr Director!« sagte Rebe und verließ langsam und nachdenkend das Haus.

Während Rebe die Unterredung mit dem Director hatte, wurde bei Pfeffers ein ganz eigenes kleines Familienfest gefeiert.

Der Mutter kränklicher Zustand schien sich nämlich in den wenigen Tagen, ja, man konnte fast Stunden sagen, so wesentlich gebessert zu haben, daß Alles im Hause einen freundlicheren Charakter annahm. – War es die veränderte Diät gewesen? Der frühere Doctor, der Theaterarzt (der »Thierarzt«, wie ihn Pfeffer gewöhnlich nannte), der die Stelle durch Protection erlangt, hatte die arme Frau auf Gott weiß was curirt, und ihr fast jede Nahrung entzogen. Es war eine ganz neue, von ihm erfundene Hungercur, der, wie das Gerücht ging, bis jetzt erst wenige Menschen zum Opfer gefallen. Dadurch aber kam Henriettens Mutter von Tag zu Tag mehr herunter, bis sie zuletzt so schwach wurde, daß sie nicht einmal mehr aufrecht sitzen konnte.

Wenn aber Jeremias auf der Welt irgend etwas haßte, so war es Hunger, oder gar eine Hungercur, die den Körper natürlich so schwächen mußte, daß er sich gar nicht mehr, nicht einmal gegen den Arzt, helfen und schützen konnte. Er ruhte deshalb auch nicht, bis er Pfeffer, oder vielmehr Auguste bewog, einen andern Doctor herbeizuziehen, und dieser erklärte denn auch natürlich augenblicklich, daß sie der frühere ganz falsch behandelt habe und die Kranke bei einer noch kurze Zeit fortgesetzten ähnlichen Cur nicht sowohl ihrer Krankheit, als ihrem Magen erlegen wäre. Nahrhafte Speisen wurden verordnet, und Jeremias schleppte herbei, was nur aufzutreiben war: ein Glas stärkenden kräftigen Weins; eine Stunde später stand ein Dutzend Flaschen alten Portweins in der Stube, und dann wo möglich etwas Bewegung, vor der Hand noch im Zimmer, und so viel frische Luft als thunlich.

Half dieses Alles, oder war es mehr ein Gemüthsleiden gewesen, das auf der Seele der Kranken gelegen, aber schon seit gestern Abend trat eine entschiedene Änderung zum Besseren ein, und Henriette sang heute Morgen wie eine Haidelerche im Hause herum.

Die Mutter saß am geöffneten Fenster, denn nach der gestrigen stürmischen und kalten Nacht hatte sich die Luft gereinigt und die Sonne schien warm und klar. Jeremias war fort gewesen, um Rebe aufzusuchen und Näheres über seine weiteren Pläne und Aussichten zu hören, aber er traf ihn nicht in seiner Wohnung und mußte unverrichteter Sache wieder zurückkehren.

»Das ist ein ganz verzweifelter Mensch, Auguste,« sagte er, als er in dem kleinen Zimmer auf und ab ging und sich den kahlen Kopf kratzte, »wie ich gestern mit ihm sprach und ihm meine Hülfe in Allem, was Jettchen betraf, antrug, faßte er mich bei der Hand und sagte: »Mein lieber Herr Stelzhammer, ich danke Ihnen herzlich für Ihre guten und freundlichen Absichten, und Sie wissen, daß Jettchen's Besitz das Höchste ist, was ich erstrebe, aber ich bin auch fest entschlossen, ihn mir selber zu verdanken. Ich will mir später nie Vorwürfe machen können, daß ich durch meine Frau vorwärts gekommen sei.«