Der Maulwurfsfänger drehte langsam den Kopf nach ihr um, denn selbst diese Bewegung that ihm weh; dann aber flüsterte er, daß die Worte kaum zu dem Ohr der Gräfin drangen und trotzdem wie mit einem Schlage das Blut aus ihren Wangen jagten:
»Also hast Du den Ring wiedererkannt, Ottilie? Bist Du wirklich gekommen, um mir Lebewohl zu sagen?«
»Heiliger, allmächtiger Gott!« stöhnte die Gräfin und faßte ihr Herz mit beiden Händen, als ob sie es festhalten wolle in der Brust. »Wäre es denn möglich – wäre es wahr...?«
»Es ist wahr, Frau Gräfin,« sagte der Alte, indem ein bitteres Lächeln um seine Lippen spielte, »die Jammergestalt hier auf dem Bett, zerschossen und von Krankheit und Alter gebrochen, eigentlich auch schon halb verfault, mit dem schleichenden Tod in den Gliedern, ist Alles, was von dem einst so lebenslustigen und gefeierten Friedrich von Sitrop übrig geblieben. Wenig, nicht wahr? Verdammt wenig – und das Wenige selbst verstümmelt und mißhandelt!«
Die Frau stand, das Gesicht in den Händen bergend, mitten in der Stube; kein Laut kam über ihre Lippen, aber die ganze Gestalt zitterte und bebte, und des Alten Blick haftete fast wehmüthig und mitleidsvoll an ihr. Endlich fuhr er leise fort: »Setz' Dich, Ottilie – etwas näher zu mir; ich kann nicht so laut sprechen und fühle, daß ich auch nicht mehr lange sprechen werde. Ich weiß Alles, was Du fragen möchtest, ich will Dir Alles mit wenigen Worten sagen. Aber dann – mußt Du mir auch Eine Frage beantworten – nur eine einzige Frage, die mir lange Jahre am Leben gefressen hat und die ich – noch vor meinem Tode gelöst haben möchte. Setz' Dich, die Zeit vergeht und die Secunden fangen an kostbar zu werden.«
Die Gräfin machte eine Bewegung gegen das Bett, und der Spitz, der bis jetzt nur leise und fast unhörbar geknurrt hatte, schlug laut an. Der Maulwurfsfänger pfiff leise durch die Zähne und sagte dann: »Ruhig, Spitz, es ist vorbei; Du wirst jetzt abgelöst von Deinem Posten. Sei ruhig, mein Hund, ich bin's ja auch; hörst Du?«
Das kleine treue Thier knurrte zwar noch leise, aber es kauerte sich wieder unter dem Bett zusammen und winselte nur noch ein wenig, als die Gräfin fast mechanisch nach dem Stuhl griff und sich darauf niederließ. Dann lag er ganz still, schob die Schnauze wieder in seine langen Haare und blieb regungslos liegen, hielt aber immer noch die kleinen blitzenden, schwarzen Augen mißtrauisch auf das Kleid des fremdartigen Besuchs geheftet.
Auch der Kranke schien sich erst von der ungewohnten Anstrengung des Redens zu erholen; dann fuhr er langsam fort:
»Die Geschichte ist sehr kurz. Mein Vermögen brachte ich durch – im Spiel; arbeiten konnte und wollte ich nicht; in Frankreich, wohin ich flüchtete, fälschte ich einen Wechsel, um Geld zu bekommen, und wurde eingekerkert. Ich saß lange Jahre und kehrte, endlich freigelassen, nach Deutschland zurück; aber den Baron hatte ich im französischen Gefängniß oder vielmehr schon vor dessen Thür gelassen, leben mußte ich, Geld hatte ich keins, – das Einzige, was ich verstand, war das Spiel und die Jagd; Croupier mocht' ich nicht werden, so tief war ich doch noch nicht gesunken, zum Förster wollte mich Niemand, da« – ein bitteres, höhnisches Lächeln zuckte um die Lippen des Kranken – »benutzte ich eine frühere Passion von mir, das Fallenstellen, und – wurde Maulwurfsfänger. Sechs Jahre wanderte ich so in Deutschland umher, mich den Henker mehr um die übrige Welt scherend, bis es mir keine Ruhe mehr ließ, den Ort wieder aufzusuchen, wo...«
Er schwieg plötzlich; Todtenstille herrschte in dem kleinen Raum, nur das schwere Athmen der Frau unterbrach die Stille oder machte sie vielmehr noch unheimlicher.