»Das ist eigentlich Alles,« sagte der Kranke nach einer Pause. »Du kanntest mich nicht wieder; hübscher war ich auch nicht geworden, und mir machte es Spaß, so incognito gerade mit diesem Platz zu verkehren. Da begegnete ich neulich im Park einer jungen fremden Frau – wie ein Messer stach mir deren Anblick durch's Herz, – es war, als ob die langen Jahre zurück, statt vorwärts gegangen wären, und Du, Ottilie, wie ich Dich in all' Deiner Schönheit und Jugend gesehen, standest wieder vor mir, wie vor einem Vierteljahrhundert an derselben Stelle.«

Die Gräfin war aufmerksam geworden; ihre Hände sanken langsam in ihren Schooß, und das große Auge haftete fragend auf dem Sprechenden.

»Ich erfragte den Namen,« fuhr dieser endlich leise fort, »er klang mir fremd – Rottack – ich hatte ihn nie gehört.«

»Rottack?« hauchte die Frau.

Der Maulwurfsfänger nickte, und sein Blick hing forschend an ihren Zügen; aber er bekam keine Antwort. Angst und Schmerz lagen in ihrem Antlitz, aber die Lippen blieben unbewegt.

»Rottack,« wiederholte er endlich, »Helene Rottack. Aber Du mußt reden, Ottilie,« fuhr er heftiger fort, »die Zeit verfliegt, meine Pulsschläge sind gezählt, Du mußt meine Frage beantworten!«

»Und welche Frage ist das?«, hauchte die Frau, die sich dem alten, kranken Manne vollkommen willenlos gegenüber befand.

»Was ist aus dem Kind geworden?« sagte der Alte leise. »Als der Graf aus Westindien zurückkehrte, konnte ich Dir nicht wieder nahen, denn ich wußte, daß er mich haßte. Bald darauf mußte ich selber flüchten, schreiben durfte ich nicht – was ist aus dem Kind geworden, Ottilie?«

Die Frau barg ihr Gesicht wieder in den Händen, aber sie antwortete nicht, und fast mitleidig ruhte der Blick des Kranken auf ihr.

»Fürchte nichts,« sagte er endlich leise, »ich weiß, welches furchtbare Unglück Dich in der letzten Zeit betroffen hat. Ich hätte es vielleicht verhindern können,« setzte er düster hinzu. »Ängstige Dich nicht, daß diese Lippen, die so lange geschwiegen, jetzt plaudern könnten; ein Sterbender spricht zu Dir – was ist aus dem Kind geworden?«