»Todt?«

»Die Rosie sagt's. Er liegt kalt und starr auf dem Bett.«

Die Gräfin winkte mit der Hand; Bärbel verließ schüchtern das Zimmer. Die Gräfin Monford wankte zu ihrem Sopha, und Thränen – Thränen, die ersten, die sie seit langen Jahren vergossen, netzten ihr die Wangen.

Sie war glücklich, denn sie konnte weinen.

30.
Pfeffer dictirt einen Brief.

Wochen vergingen und Monate. Die rauhen Herbststürme traten ein, Schnee fiel, und der Winter deckte die freundlichen Hügel und Gebirgszüge um Haßburg mit seiner weißen Decke und die Wasser mit Eis, und noch hatte die Monford'sche Familie mit keinem Menschen in der Stadt wieder verkehrt, noch hatte die Gräfin selber die Stadt nicht wieder betreten, oder auch nur einen einzigen Besuch selbst ihrer früheren intimsten Freunde angenommen.

Der Zustand des Grafen schleppte sich freilich auch nur langsam hin: die früher eingetretenen Schlaganfälle hatten sich mehrfach wiederholt, und so sehr Beide gewünscht haben mochten, diesen Ort, der jetzt für sie so furchtbare Erinnerungen trug, zu verlassen und eine andere Gegend, ein wärmeres Klima zu ihrem Aufenthalt zu wählen, so schüttelte doch der alte Ober-Medicinalrath dazu auf das Entschiedenste den Kopf und beharrte dabei, daß der Graf jetzt an eine Reise gar nicht denken dürfe, wenn er sich nicht muthwillig der größten Gefahr aussetzen wolle. Ihm bliebe vor der Hand nichts weiter übrig, als abzuwarten, ob sich sein sehr bedenklicher Zustand bessern würde, wozu er die Hoffnung keineswegs aufgegeben habe. Träte der Fall ein, dann würde er selber eine Reise nach Italien oder einem andern warmen Himmelsstrich dringend anrathen.

Ganz verändert war indessen die Gräfin selber geworden. Wie sie früher die Pflege des Kranken fast ausschließlich der Dienerschaft überlassen hatte, so wich sie seit jenem Tag, an welchem sie das Gärtnerhaus besucht, fast nicht mehr von dem Lager des Gatten, und wachte, wenn sich sein Zustand dann und wann verschlimmerte, halbe Nächte neben seinem Bett. Sie war auch viel freundlicher mit den Leuten selber geworden, und sogar der alte Haushofmeister, der ihr seit jenem Abend, wo sie den Brief verbrannte, lange Wochen durch wohl ehrerbietig, aber doch wie scheu ausgewichen war, fing an sich ihr wieder zu nähern und Mitleid mit ihr zu fühlen, denn er, vor allen Anderen, sah und fühlte die Veränderung zum Besseren, die mit ihr vorgegangen. Fiel sie doch mit einer wahren Hast über alle Briefe her, die ihr gebracht wurden, und legte sie dann traurig und oft mit einer unterdrückten Thräne bei Seite, wenn keiner von ihnen mehr die jetzt so heiß ersehnten Schriftzüge des verlorenen Kindes trug.

Aber Paula schien verschwunden; kein Brief von ihr war mehr eingetroffen, keine Zeitung nannte Handor's Namen, keine Nachforschung, die sie im Geheimen, besonders durch den Ober-Medicinalrath, anstellen ließ, führte zu irgend einem Resultat. Sie mußte todt sein oder Deutschland verlassen haben, denn alle Nachfragen blieben fruchtlos.

In Haßburg selber hatte man die Monford'sche Familie, die für Wochen lang das Tagesgespräch gebildet, fast vergessen. Eine Zeit lang wurde die Erinnerung daran wohl noch durch die nach dem Tode des Maulwurfsfängers gegen den Förster eingeleitete Untersuchung aufgefrischt, und dieser auch wegen Tödtung – aber mit mildernden Umständen, da er selber dabei verwundet worden – zu zwei Monaten Gefängnißstrafe verurtheilt. Jetzt hatte er diese abgesessen und Niemand sprach mehr davon oder dachte noch daran. –