Freundlicher hatten sich indessen die Verhältnisse in der Pfeffer'schen Familie gestaltet.

Rebe's Erfolg am hiesigen Theater konnte als gesichert betrachtet werden, denn nach der Aufführung des Fiesco wagte sich keine Opposition mehr heraus – oder wurde vielmehr nicht mehr bezahlt und fiel deshalb von selbst weg. – Strohwisch hatte Haßburg verlassen, und Rebe bekam dadurch freien Raum und ehrliches Spiel, sich seine Stellung am Haßburger Theater zu erkämpfen, was er ehrenvoll that. Nacheinander, aber von dem vorsichtigen Director immer noch nur von Monat zu Monat engagirt, trat er in den bedeutendsten und schwierigsten Rollen auf und zeigte sich bald als ein so talent- und geistvoller Schauspieler, daß ihn das Publikum immer lieber gewann und ihm jetzt allabendlich die deutlichsten und lebhaftesten Zeichen seines Beifalls gab.

Aber trotzdem veränderte er seine Lebensart nicht. Seine Gage war schon jetzt eine sehr anständige, und er hätte mit Leichtigkeit ein besseres Quartier nehmen und besser leben können. Das Rechtlichkeitsgefühl aber, das ihn bisher geleitet, führte ihn auch weiter, und wenn er schon offen und ehrlich um Henriettens Hand bei den Eltern angehalten und ihre freudige Einwilligung erlangt hatte, weigerte er sich doch, Henriette früher heimzuführen, als er sich selber so viel Geld erspart habe, um seiner Frau eine freundliche und angemessene Heimath gründen zu können.

Jeremias erbot sich allerdings augenblicklich, ihm jede verlangte und nöthige Summe vorzustrecken, aber Rebe wies Alles, wenn auch freundlich und dankend, doch entschieden zurück. Er wollte sich selber und aus sich selber heraus seinen eigenen Herd gründen, und Henriette hatte ihn deshalb nur um so lieber.

Darin stimmte er aber ganz mit Pfeffer überein, daß er jetzt bei Krüger auch auf einen bestimmten und längeren Contract dringen müsse, denn das Provisorium hatte lange genug gedauert. Rebe schrieb auch deshalb an Krüger, und heute war eine schriftliche Antwort eingelaufen, worin sich der Director in den schmeichelhaftesten Ausdrücken erbot, einen fünfjährigen Contract mit Rebe als erstem Liebhaber und Helden einzugehen, und ihm ein Concept desselben unter sehr annehmbaren Bedingungen beilegte.

Rebe hatte augenblicklich zustimmen wollen, Pfeffer that aber Einspruch und behauptete, daß in einer so wichtigen Angelegenheit auch nothwendiger Weise großer Kriegsrath gehalten werden müsse. Außerdem sei es nicht einmal gerathen, diesem »Blutsauger«, wie er seinen Director im vertraulichen Gespräch gewöhnlich nannte, zu zeigen, daß man augenblicklich zuschnappe, sobald er einen Brocken hinhielt. Er müsse zappeln, er müsse eine Zeit lang in Ungewißheit gehalten werden, dann erst dürfe man hoffen, auf einen andauernd guten Fuß mit ihm zu kommen; sonst setze er seinen Schlachtopfern doch augenblicklich wieder den Daumen auf's Auge.

Rebe wollte dagegen protestiren, aber es half ihm nichts; er wurde gerade nicht überstimmt, aber von Pfeffer überschrieen, und willigte endlich lächelnd in einen »großen Rath«, der an diesem Nachmittag bei Pfeffer zusammenkommen und Rebe's Entschluß bestimmen solle.

Pfeffer's Schwester, die sich merkwürdig in den letzten Monaten erholt hatte und schon tüchtig wieder im Hause wirthschaftete, arrangirte mit Jettchen einen großen Kaffee, und selbst Fräulein Bassini war dazu eingeladen worden und erschien, eine halbe Stunde vor der Zeit, im höchsten Staat und Putz, so daß Pfeffer augenblicklich in sein Zimmer stürzte, den alten Schlafrock abwarf, ein weißes, allerdings etwas »mitgenommenes« Halstuch umband und in seinen alten blauen Frack mit blanken Knöpfen hineinfuhr, dazu ein Paar schmutzige Glacéhandschuhe anzog, seinen Cylinderhut aufsetzte und der Schwester nun, in der linken Hand die lange Pfeife und an den Füßen noch immer die grüngestickten Schlapp-Pantoffeln, entgegen ging, um sie höchst förmlich zu begrüßen.

Pfeffer hielt denn auch, als Alle versammelt waren, in diesem Costüm seinen Vortrag, und Jeremias saß dabei und lachte, fing aber an mit dem Kopf zu schütteln, als sein Schwager Rebe aufzuhetzen begann, den Contract zurück zu weisen und höhere Bedingungen zu fordern. Die Gage war nämlich von Krüger selber so hoch gestellt, wie sie nur Haßburg mit seinen bescheidenen Verhältnissen zahlen konnte, und Jeremias protestirte heftig gegen jede solche Überschreitung des Möglichen. Pfeffer gab endlich nach.

»Gut, Kinder,« sagte er, während Fräulein Bassini daneben saß und an einem entsetzlich langen, brennend rothen Strumpf strickte, »ich habe nichts dagegen, wenn Rebe denn für eine solche Lumpengage bleiben soll, wo er in Berlin und Wien das Doppelte bekommen könnte...«