Jeremias versuchte zu schlafen, aber es ging nicht; jede Viertelstunde stiegen Passagiere aus und ein, und die Schaffner schlugen dann jedesmal mit den Thüren, daß er immer wieder erschrocken emporfuhr. Und was ging ihm auch nicht Alles im Kopf herum! Brasilien, ja, in Brasilien war's jetzt freilich wärmer, und dort hätte er nicht so zu frieren brauchen – aber wieder dahin zurück? Früher hatte er sich dort allerdings wohl befunden, aber die deutschen freundlichen Verhältnisse auch fast vergessen gehabt. Jetzt, da er sie wiedergefunden, da er sich wohl darin fühlte, sollte er sie wieder verlassen und allein in die Fremde hinausziehen? Aber was wollte er hier? Sein Kind war jetzt bald versorgt und glücklich, und seine Frau – war es denn noch seine Frau, und er nicht rechtskräftig und für immer von ihr geschieden? Ja, so lange sie krank lag, konnte er sie besuchen und mit ihr verkehren; jetzt, da sie gesund und kräftig geworden und sich von Tag zu Tag mehr erholte, mußte das aufhören, das fühlte er selber, oder er brachte sie in das Gerede der Leute, die sich nicht leicht eine Gelegenheit entschlüpfen lassen, Übles von ihren Nebenmenschen zu denken und zu reden. Und sollte er in derselben Stadt mit ihr als Fremder leben? Das ging nicht, und es war das Allergescheidteste, er schiffte sich ruhig wieder nach Brasilien ein – Brasilien – Hundeleben dort, was ein Mensch nur aushalten mochte, wenn er nicht mehr in Deutschland existiren konnte.
Er wickelte sich fester in seine dicke Reisedecke, zog die Pelzstiefel noch höher herauf und drückte sich wieder in die Ecke. Er wollte schlafen. Das Grübeln und Nachdenken sollte der Teufel holen.
So verging die Nacht und der Morgen dämmerte endlich durch die fest und dick zugefrorenen Fenster des Coupés.
Jeremias beschäftigte sich jetzt eine Weile damit, sie mit Anhauchen wieder aufzuthauen, und brachte endlich glücklich ein kleines Loch zu Stande, durch das er hinaus in's Freie sehen konnte, gab es aber in Verzweiflung wieder auf, als er die trostlose, monotone Gegend entdeckte, durch die der Zug brauste. Schneefelder, so weit das Auge reichte; einzelne Züge von schwarzen Raben und dann und wann eine kleine, magere Kieferndickung; und dort drüben lag ein Dorf, ärmliche Hütten mit Strohdächern, aus denen der blaue Rauch in's Freie quoll. Die Aussicht lohnte nicht der Mühe, um sich fast die Seele aus dem Leib zu hauchen. Er ließ die Öffnung wieder zufrieren und bekümmerte sich nicht weiter um die Landschaft, bis der Zug endlich, etwa gegen Mittag, in Prag selber anhielt.
Er brauchte, dort angekommen, den halben Nachmittag, um sich erst wieder zu restauriren und ordentlich aufzuthauen, und benutzte indessen die Zeit, um sich aus dem Adreßbuch eine Anzahl Namen und Wohnungen abzuschreiben.
Gegen Abend ging er auf seine erste Wanderung aus, und zwar um zuerst jenen Herrn, einen Baron von Toggenburg, aufzusuchen, der dem Grafen Rottack geschrieben und an welchen ihm dieser einen Empfehlungsbrief mitgegeben. Dort aber, wie später beim Director des Theaters, erhielt er nur ganz unbestimmte, vage Nachrichten, die allein darin übereinstimmten, daß jener Boslaw, der wahrscheinliche Handor, Prag vor einiger Zeit wieder verlassen und sich nach Schlesien gewandt habe.
Was nun? Schlesien war groß, und auf ein solches Gerücht hin konnte er doch wahrhaftig nicht nach Schlesien reisen, um dort seine Nachforschung fortzusetzen.
Eine andere Sache, die ihn förmlich verwirrt machte, war die genaue Beschreibung der Person, die Boslaw bei sich gehabt: eine volle, üppige Gestalt, aber mit einem gemeinen sinnlichen Ausdruck in den Zügen, die besonders gern Champagner trank und in der kurzen Zeit ihres Aufenthalts hier eine Masse Schulden machte.
Das war auf keinen Fall die junge, bildschöne Comtesse Monford gewesen, und hatte wirklich Handor seinen Namen in Boslaw umgeändert, wo konnte er dann das junge, unglückliche Geschöpf zurückgelassen haben, das er aus seiner Eltern Haus entführt?
Jeremias ließ sich übrigens keine Mühe verdrießen und besuchte sogar verschiedene Mitglieder des dortigen Theaters, um von diesen Näheres über jenen Boslaw zu hören – vergeblich. Die Leute wußten ebenfalls nichts weiter, als daß der Herr Boslaw ein einziges Mal aufgetreten und, da er total mißfiel, schon am nächsten Morgen wieder abgereist sei – wohin? Lieber Gott, wer fragte hier danach! Vielleicht erfuhr er das auf der Polizei.