Dem wollte ihn Jeremias doch nicht aussetzen, ließ ihm also ein Zimmer im Hotel geben, brachte ihn selber zu Bett, und traf dann seine Vorbereitungen, um am nächsten Morgen mit dem Frühzug nach Podiebrad und von da ohne Säumen nach jenem bezeichneten Dorf mit dem entsetzlichen Namen hinüber zu fahren.

Am liebsten hätte er freilich gleich noch heut Abend nach Haßburg hinüber telegraphirt, daß er eine Spur gefunden habe und ihr jetzt folgen wolle, um Rottacks wenigstens einige Hoffnung zu machen. War aber das junge, unglückliche Wesen nicht mehr in jenem kleinen Nest und verlor er dort wieder ihre Spur – was dann? Es blieb immer besser, erst dort an Ort und Stelle seine Nachforschungen zu beginnen, was er auch mit der größten Sicherheit thun durfte, denn wenn er die Comtesse auch schon in Haßburg gesehen hatte, ihn kannte sie auf keinen Fall, selbst wenn er auch seinen Namen nannte.

Beim Portier ließ er jetzt nur noch auf die Tafel schreiben, daß er zur rechten Zeit geweckt sein wolle, und legte sich dann mit dem beruhigenden Bewußtsein schlafen, doch jetzt ein bestimmtes Ziel zu haben, dem er nachfahren könne, und nicht mehr länger in der Irre umhersuchen zu müssen.

Jeremias hatte am vorigen Abend wie Mauser ganz tüchtig gebechert, aber der kleine Mann konnte auch eine ordentliche Portion vertragen, und um halb sechs Uhr am nächsten Morgen saß er schon fertig angezogen und reisebereit vor seinem Kaffee, und unten klingelten auch gleich darauf die mit tönenden Schellen behangenen Pferde, als der Kutscher aus dem Thorweg heraus und vor das Haus fuhr, um dort seinen Passagier zu erwarten und nach dem Bahnhof zu bringen.

Und der Wind pfiff nicht schlecht am Fluß herauf, der Himmel hatte sich dabei umzogen, und es fing an gefrorenen Regen herunter zu werfen, der, wo er in's Gesicht traf, wie Nadeln stach. Aber was half's; der Weg mußte zurückgelegt werden, und mit einer Anzahl wollener Decken versehen, die er sich vom Wirthe geborgt hatte, um nachher von Podiebrad Fuhrgelegenheit zu nehmen und ordentlich eingepackt zu sein, warf er sich in sein Coupé und sah mit Ungeduld der Zeit entgegen, die ihm Gewißheit über die Gesuchte bringen sollte.

In Podiebrad hatte es auch keine Schwierigkeit, ein Fuhrwerk nach jenem Dorfe, dessen Namen er deutlich geschrieben auf einem Zettel bei sich trug, zu finden, und gegen Mittag etwa erreichte er den kleinen Ort und hielt bald darauf vor der Schenke – einem traurigen, wüsten Aufenthalt.

Und hier sollte er die junge, an jede Bequemlichkeit von Jugend auf gewöhnte Comtesse finden? Er schauderte ordentlich, als er sich die Möglichkeit dachte, daß sie hier Monate lang allein und freundlos gehaust habe. Das war auch gar nicht möglich, und er fürchtete jetzt fast ebenso, ihr hier zu begegnen, wie er sich früher danach gesehnt hatte, sie anzutreffen.

»Und was mache ich mit den Pferden, Herr?« fragte der Kutscher, als Jeremias vor der Schenke aus dem Schlitten stieg.

»Stellt sie ein, Freund,« lautete die Antwort, »ein Stall wird doch hier zu finden sein. Ich bleibe wahrscheinlich ein paar Stunden hier und fahre dann wieder zurück.«

Damit trat er in das Haus und in die niedere, furchtbar geheizte Gaststube, aus der ihm aber ein widerlicher Dunst entgegen schlug, daß er ordentlich erschreckt einen Moment in der Thür stehen blieb, um seine Lunge erst an diese Atmosphäre zu gewöhnen.