Und er kam in der That, aber nicht allein, denn Helene hatte es sich nicht nehmen lassen, ihn zu begleiten, und Jeremias, als er sie am Coupéfenster entdeckte, rief ordentlich erschreckt aus: »Oh Du mein Gott, die Frau Gräfin!«

Rottack ließ ihm aber keine lange Zeit, sich zu besinnen. »Mein lieber Jeremias,« rief er, herausspringend und ihm herzlich die Hand schüttelnd, »wie dankbar sind wir Ihnen! Aber wo ist die Unglückliche – hier?«

»Noch zwei Stunden zu fahren, Herr Graf.«

»Lösen Sie rasch Billets, daß wir den Zug nicht versäumen.«

Das war bald geschehen und das Gepäck umgeschrieben. Jeremias stieg mit ein und hatte nun Zeit genug, ihnen unterwegs all' die Einzelheiten zu erzählen und was bis jetzt geschehen war. Helene zerfloß dabei fast in Thränen; aber sie eilten ja doch auch nun zur Rettung herbei, und in peinlicher Ungeduld zählte sie die Minuten, die sie noch von ihrem Ziele trennten.

Schon von der nächsten Station unterwegs telegraphirten sie wegen eines großen, bequemen Schlittens oder zwei kleinerer, die am Bahnhof bereit stehen sollten, und Helene nahm sich hier wirklich kaum Zeit, etwas zu genießen, als sie selber schon weiter drängte.

Etwa um zwei Uhr erreichten sie Podiebrad, und es war noch heller Tag, als sie endlich das kleine, erbärmliche Dorf vor sich liegen sahen. – Und dort lag Paula?

Helene saß bleich und die Hände gefaltet in ihrem Schlitten und sah zitternd auf die kleinen erbärmlichen Hütten, die ihre Armuth und ihr Elend nur zu deutlich verriethen. Und vor einer von diesen – es war wenigstens eine der größten – hielt jetzt das Fuhrwerk. Ein anderer Schlitten stand schon vor der Thür; es war der des wieder herüber gekommenen Arztes, der ihnen unten in der Wirthsstube entgegentrat.

Er stattete den Fremden einen kurzen Bericht über den Zustand der Kranken ab, der leider Helenens gehegte Furcht bestätigte. Ihr Zustand war in der That bedenklich. Nach einem falschen Wochenbett der Kälte und dem Mangel preisgegeben, wahrscheinlich noch von geistiger Aufregung gequält, hatte die Arme ein bösartiges Fieber ergriffen, und möglich, daß treue Pflege die Gefahr, in der sie schwebe, noch abwenden könne; aber man möge sich auf das Schlimmste wenigstens gefaßt machen.

Helenen liefen, während er sprach, die hellen Thränen an den Wangen nieder; aber sie unterbrach ihn mit keinem Wort, und erst als er geendet hatte, sagte sie leise und bittend: »Darf ich zu ihr?«