»Sie hat gestern Abend wieder viel phantasirt,« meinte der Arzt, »ist aber heute ruhiger, und wenn Sie nicht selber fürchten sie zu stark aufzuregen...«
»Aber eine Wärterin muß sie ja doch haben!«
»Der Herr dort hat schon gestern eine recht brave Person dazu besorgt,« sagte der Arzt, »und es ist wirklich Alles geschehen, was jetzt noch, nachdem der richtige Zeitpunkt längst versäumt worden, nur irgend geschehen konnte. Möglich aber auch, daß es die Kranke wesentlich beruhigt, wenn sie ein befreundetes Gesicht an ihrem Lager sieht, dem Herrn würde ich aber entschieden abrathen...«
»Ich gehe allein,« rief Helene; »haben Sie auch keine Furcht, Herr Doctor, daß ich sie aufregen werde. Ich bin ruhig – gewiß, ich bin ruhig,« setzte sie rasch hinzu, als der Arzt wie zweifelnd mit dem Kopf schüttelte; »ich werde sicher kein Wort sagen, was sie nur im Geringsten erregen könnte. Aber das arme, verlassene Kind muß doch erfahren, daß Freunde in der Nähe sind, die über sie wachen, und dieses Gefühl wird ja dann auch gewiß zu ihrer Beruhigung mit beitragen.«
»So gehen Sie, gnädige Frau,« sagte der Arzt freundlich, »ich verlasse mich ganz auf Sie, und bringen Sie der armen Dame, was ihr bisher so ganz gefehlt hat: Trost.«
Helene legte Hut und Mantel ab; ihre Glieder zitterten so, daß sie sich kaum aufrecht halten konnte. Sie mußte sich erst sammeln, erst wieder Fassung erlangen. Aber ihr starker Geist überwand das bald.
»Ich bin schon ruhig, Felix,« sagte sie, unter Thränen lächelnd, als ihr Gatte zu ihr trat und ihr freundlich zureden wollte. »Fürchte auch nicht, daß mich oben eine solche Schwäche übermannen wird. Du kennst mich ja, vertraue mir nur, und jetzt,« rief sie, indem sie mit ihrem Tuch die letzten Thränenspuren entfernte, »laß mich gehen.«
Damit wandte sie sich entschlossen ab, schritt der Thür zu und die kleine, enge Treppe hinauf. Nur der Arzt begleitete sie, und Rottack und Jeremias blieben unten in der dumpfigen, wüsten Wirthsstube allein mit ihren peinlichen Gedanken zurück.
Helene hatte sich auch nicht zu viel zugetraut. Sie fühlte recht gut, wie viel gerade jetzt von ihrer Haltung, der Kranken gegenüber, abhing, und leise und geräuschlos wohl, aber mit festen Schritten stieg sie hinauf und öffnete selber die Thür, welche zu der armen Verlassenen führte.
Ein Glück, daß ihr der Anblick erspart worden, wie Jeremias sie gefunden, denn so ärmlich das Zimmer auch aussehen mochte, so war es doch reinlich gehalten und durchwärmt, und das Bett dabei so gut, als es nur in einer so geringen Schenke sein konnte.