»Und womit habe ich das verdient, Frau Gräfin,« flüsterte Paula, »daß Sie mir in mein Elend gefolgt sind?«
»Oh, nicht den kalten Titel, Paula, nicht das fremde Sie,« rief Helene bewegt, »nenne mich Helene, nenne mich Schwester, denn Gott ist mein Zeuge, ich will Dir von jetzt an eine Schwester sein!«
»Meine liebe, gute Helene – und Du bist mir nicht böse?«
»Ich Dir böse, Herz, wo ich mein eigen Leben für Dich hingeben könnte?«
Paula schüttelte leise mit dem Kopf und schloß die Augen wieder, und Helene rührte sich nicht weiter, um ihr volle und ungestörte Ruhe zu lassen.
So lag sie zwei volle Stunden in einer Art von Halbschlaf, aus dem sie erst durch den zurückkehrenden Arzt wieder geweckt wurde.
Trotz der furchtbaren Aufregung des vergangenen Abends fand er die Kranke aber heute bedeutend besser. Der Puls ging ruhiger und das Auge war klarer.
Sie hatte jetzt Helenens Hand gefaßt, die sie, ohne ein Wort zu sprechen, festhielt, als ob sie Furcht hätte, daß sie ihr wieder entzogen werden könnte. Helene hielt mit einer rührenden Geduld bei ihr aus, streichelte ihre Wange, küßte ihre Stirn und behandelte sie wie ein krankes Kind, das nur durch Liebkosungen beschwichtigt sein will.
Rottack fragte den Arzt, ob er einen Transport der Kranken nach der nächsten Stadt wenigstens für möglich halte; davon wollte dieser aber nichts wissen, auf keinen Fall für die Folgen stehen, und er unterblieb deshalb. Der Arzt sorgte aber doch dafür, daß die beiden Herren wenigstens ein Quartier und ein paar Betten bei dem Geistlichen bekommen konnten, der sie in liebenswürdiger Weise aufnahm und nicht einmal darin nachließ, als er erfuhr, daß sie »Ketzer« wären. Er selber hatte schon die arme kranke Frau besucht und ihr auch in der That wenigstens das nothdürftige Unterkommen bei den armen Leuten besorgt, und freute sich jetzt aufrichtig, daß ihr die nöthige Hülfe geworden war.
So vergingen vierzehn volle Tage, in denen das Befinden der Kranken herüber und hinüber schwankte. Mit heftigen Anfällen ausbrechender Phantasien wechselten Tage der Ruhe – aber die Anfälle wurden seltener und schwächer, und der junge, kräftige Körper Paula's überwand endlich die furchtbare Mißhandlung, die er erlitten hatte und der er fast unterlegen wäre.