Wie sich aber ihre Nerven kräftigten, schloß sie sich so viel inniger an Helene an, die wieder ihrerseits keine Mühe und Aufopferung scheute, wo es der Pflege des geliebten Schützlings galt.

Nach vier Wochen etwa gestand endlich der Arzt die Möglichkeit zu, die Kranke nicht allein in die nächste Stadt, sondern auch gleich nach Prag transportiren zu können, wo sie doch bessere Pflege und Bequemlichkeit fand, und wenn auch noch jede nur mögliche Vorsicht gebraucht werden mußte hoffte er doch, daß die Reise ohne Gefahr für sie ablaufen würde.

Jeremias wäre schon längst gern fort, denn es drängte ihn nach Hause, aber er wußte auch nicht, in wie weit er doch noch hier sich nützlich machen könne, und seine natürliche Gutmüthigkeit ließ ihn eben nicht. In der ganzen Zeit aber erwähnte Keines von Allen ein Wort über die Vergangenheit. Jedes schien die Berührung derselben zu fürchten, und jede Andeutung selber wurde vermieden. Was hätte es auch geholfen, Paula selber hatte leider schon aus den geschwätzigen Zeitungen das Unglück ihres Hauses erfahren, denn was wird, besonders bei einem stillen politischen Zustand, lieber verbreitet, als Verbrechen und Unfälle. Was ihr aber selbst geschehen, Du guter Gott, es lag zu klar und deutlich vor Aller Augen, und wo es noch einer Ergänzung bedurft hätte, konnte Niemand die besser als Jeremias nach dem geben, was er in Prag über Handor und seine Begleiterin gehört.

Ihre Verbindlichkeiten hier waren jetzt bald abgemacht und geordnet. Das Wetter hatte sich auch gebessert; der Frühling zog siegreich in das Land, und Schnee und Eis schmolz vor seinem warmen Hauch und die Haselbüsche trugen schon ihre Schäfchen. Schneeglöckchen und Himmelsschlüssel fingen an auszukeimen und die Saaten deckte frisches Grün.

Jeremias fuhr selber nach der Stadt hinüber und besorgte einen guten und verschlossenen Wagen. Fest in Tücher und Decken eingepackt, wurde dann die Kranke dort hinein gehoben und hinüber geschafft, und mit dem Schnellzug erreichten sie Prag in kurzer Zeit.

Paula hatte nicht einmal gefragt, wohin man sie führe, denn wenn sich ihr Körper auch unter der guten und sorgsamen Pflege auffällig kräftigte und erholte, ihr Geist blieb noch immer gedrückt, und scheu und zitternd schmiegte sie sich an Helene an, wenn ihr Fremde nahten. Selbst vor Rottack hatte sie im Anfang Furcht, und nur auf Jeremias' Züge, so flüchtig sie ihn bei jenem ersten furchtbaren Begegnen gesehen, schien sie sich zu erinnern und bot ihm die Hand, als er zum ersten Mal zu ihr in's Zimmer trat.

Rottacks selber aber waren noch unschlüssig, wohin sie Paula führen sollten. Nach Haßburg? – jeder Versuch, mit der stolzen, hartherzigen Gräfin von Monford anzuknüpfen, war vergebens gewesen – und sie hier allein lassen?

Rottack selber wollte Haßburg wieder verlassen, sobald er dort seine Angelegenheiten nur einigermaßen ordnen konnte, aber das war nicht in zwei oder drei Tagen abgemacht und verlangte vielleicht eben so viele Wochen, und so lange konnte er die noch immer kranke Paula nicht mit seiner Frau allein lassen. Es war deshalb das Beste, er nahm sie, bis er seine Übersiedelung selber geordnet hatte, mit nach Haßburg in sein eigenes Haus. Niemand brauchte deshalb zu wissen, wen er beherberge. Die Hoffnung, sie mit ihren Eltern auszusöhnen, hatte er freilich längst aufgegeben; aber er war fest entschlossen, Paula nicht mehr von sich zu lassen, und da seiner armen Helene die Liebe der Mutter versagt worden, so hoffte er, daß sie in der Liebe der Schwester ihren Frieden wiederfinden würde.

Jeremias hatte sich übrigens jetzt dahin entschieden, voraus zu reisen, denn hier in Prag konnte er ja doch nichts mehr nützen, und es drängte ihn, seine eigenen Angelegenheiten daheim in Ordnung zu bringen.

Vorher mußte er aber noch eine Pflicht der Dankbarkeit abmachen, zu der ihn Rottack selbst drängte. Diesem hatte er nämlich gesagt, daß er einzig und allein durch den Souffleur, Mauser – der Graf mußte sich ja doch an den Türken erinnern, der so unbändig schrie – auf die Spur gekommen sei, und Rottack zwang ihm nun unter jeder Bedingung zehn Louisd'or auf, die er dem Manne für seine Kunde geben sollte.