Es ging leichter, als er geglaubt hatte. Jeremias, als brasilianischer Bürger, brauchte keinen Heimathschein. Zufällig, traf es sich, daß heut Abend noch Rathssitzung war, wo das Gesuch vorgelegt werden konnte. Mit dem Geistlichen, einem liebenswürdigen und aufgeklärten Manne, ließ sich ebenfalls reden, von dem dreimaligen Aufgebot konnte dispensirt und dasselbe gleich morgen erlassen werden. Rottack erbot sich dabei, jede nur verlangte Bürgschaft zu leisten. Das Einzige, was Jeremias zu thun hatte, war, seine Papiere noch heut Abend vor sechs Uhr in des Bürgermeisters Haus zu bringen. Alles Andere ließ sich arrangiren.
Der alte Herr hatte auch in der That nicht zu viel versprochen. Wo der gute Wille ist, geht Alles; nur der nöthigen und nicht zu vermeidenden Form muß genügt werden, und am nächsten Montag machte Graf Rottack selber in der menschengedrängten Kirche, da Alle einer so merkwürdigen Trauung beiwohnen wollten, Jeremias' Brautführer.
Als der Zug fröhlicher Menschen aus der Kirche kam, begegneten sie dem großen, schwarz verhangenen und mit silbernen Stickereien bedeckten Leichenwagen der Stadt, der den alten Grafen Monford zu seiner letzten Ruhestätte führte. Nur ein einziger Wagen folgte, in dem die Gräfin, das Haupt mit einem dichten schwarzen Schleier bedeckt, saß.
Der alte Graf hatte es so, noch kurz vor seinem Tode, wo er wieder zur Besinnung kam, verlangt. Niemand weiter sollte ihm folgen, auch keine Leichenrede gehalten und bei dem Einsenken in die Gruft nur von vier Männerstimmen Mendelssohn's herrliches »Auf Wiedersehen« gesungen werden.
Rottack überlief ein ganz eigenes, eisiges Gefühl. Wie wunderbar zeigte sich hier die schwankende Laune des Glücks, denn das, was seinen Freunden hier Heil und Segen brachte, warf dort ein altes, edles Haus in Trümmer.
Und wie einsam, wie verlassen die arme Frau in ihrer Staatscarrosse saß – aber hatte sie es anders gewollt? Starr und eisern war sie ihre Bahn gewandelt, und jetzt bedeckte der Schleier freilich ihr Antlitz, aber Rottack war fest überzeugt, daß diese Züge unter dem Schleier auch ihre kalte Unerbittlichkeit gewahrt hatten und keine Thräne ihre Wange netzte.
Oh, hätte er die arme Gräfin weinen sehen!
34.
Schluß.
Die Hochzeit – die Beerdigung war vorüber, und während dort in der Stadt frohe, glückliche Menschen der Zukunft entgegen jubelten, fuhr die Trauer-Equipage, mit welcher die Gräfin allein ihrem Gatten das letzte Geleit gegeben, in das Schloß zurück, und die in schwarze Wolle vom Kopf bis zu Füßen gekleidete Frau – der Schleier aber noch immer das Gesicht verhüllend – schritt langsam, wie die Ahnfrau ihres Hauses, die Stufen hinauf, die in ihr Zimmer führten.
Sie hatte heute noch nichts gegessen. Der alte Haushofmeister brachte ihr selber auf einem großen silbernen Präsentirbrett einen Imbiß hinaus.