Er war sehr langsam gefahren und sah ernst und niedergeschlagen aus. Seine arme Helene! Wie hatte sie die Zeit ihres Aufenthalts in Haßburg, wie der Mutter Liebe ersehnt, und wie trüb', wie furchtbar mußte sich da Alles gerade in dieser Zeit gestalten! Aber er brauchte sich selber keine Vorwürfe zu machen. Er hatte gethan, was in seinen Kräften stand, und kein mögliches Mittel unversucht gelassen, um das eiserne Herz der Frau zu erweichen. Es war Alles umsonst gewesen; nicht einmal die unglückliche Paula durfte es wagen, ihr zu nahen, wenigstens jetzt noch nicht, denn ihr Körper war so geschwächt, daß er die kalte Zurückstoßung der Mutter nicht ertragen hätte. So mußte es denn der Alles lindernden Zeit überlassen bleiben, auch diese Wunde zu heilen, auch diese starre Brust zur Sühnung zu stimmen, und für Helene und Paula hoffte jetzt Rottack in einem fremden Land – wenn nicht Vergessen des Unabänderlichen, doch Zerstreuung zu finden. Beide waren ja noch jung, und eine schöne Natur, fremde Scenen und Bilder würden gewiß nicht ihren Eindruck auf ihre Herzen verfehlen.

Nur jetzt fort von hier – der letzte Versuch war gemacht, das Letzte abgeschüttelt, und er konnte die Zeit der Abreise kaum erwarten.

Es dämmerte schon, als er in seine Wohnung zurückkehrte. Paula und Helene saßen, seiner harrend, im Salon, der aber auch freilich schon die Spuren bevorstehender Abreise zeigte.

»Und hast Du sie gesprochen?« rief ihm Helene mit bebender Stimme entgegen, als er den Saal betrat, und auch Paula's Blick hing angstvoll an seinen Zügen.

Felix schüttelte langsam den Kopf. »Nein,« sagte er leise – »es ist umsonst. In ihrem Herzen ist kein verwundbarer Punkt, und so stolz und unerbittlich sie im Glück war, so kalt und so verschlossen hat das Unglück sie erhalten. So, fort denn mit allen Plänen und Hoffnungen, Kinder! Morgen früh ziehen wir hinaus in die weite Welt, und draußen im Sonnenlicht und der freien, herrlichen Natur mag ein neues Leben seine Pforten für Euch öffnen.«

»Und wollen Sie die arme Waise mit sich nehmen, Graf Rottack?« sagte Paula gerührt – »oh, womit habe ich das verdient?«

»Meine liebe Paula,« lächelte Felix, »Helene hat Sie als Schwester adoptirt, und da müssen Sie es sich schon gefallen lassen, mir auch eine freundliche und liebevolle Schwägerin zu sein – aber als solche gehören Sie doch jedenfalls mit zur Familie.«

»Und was wäre ohne Sie aus mir geworden?«

»Die Zeit ist vorbei, meine beste Paula,« rief Felix, »bannen Sie die trüben Gedanken. Das Leben hat noch manchen sonnigen Tag für Sie!«

»Für mich?« sagte Paula, traurig mit dem Kopf schüttelnd, »der Bruder und Vater todt – von der Mutter verstoßen – nur trübe Schatten liegen auf meiner Bahn. Aber Gott lohne Euch Beiden tausendfach die Liebe, die Ihr mir entgegenbrachtet, und je unerklärlicher es mir ist, daß Ihr das arme, verlassene Mädchen an Eure Herzen ziehen konntet, so viel mehr Dank schulde ich Euch dafür.«