»Meine Paula, meine Schwester,« rief Helene, und schloß sie in ihre Arme. Rottack aber, der diese Scene um jeden Preis abzukürzen wünschte, weil er fürchtete, daß die noch immer nicht vollkommen Genesene sich zu sehr aufregen möchte, rief dazwischen:
»Nun muß ich Sie aber darauf aufmerksam machen, meine Damen, daß der Zug morgen früh um halb zehn Uhr geht und Damen gewöhnlich eine Masse von zu packenden Gegenständen bis zum letzten Augenblick aufheben. Ich bitte Sie dringend, hiervon diesmal eine Ausnahme, und heut Abend wo möglich noch Alles fertig zu machen, was irgend fertig gemacht werden kann.«
»Ja, Herz,« sagte Helene, »Felix hat Recht – komm, ich helfe Dir, daß sich unser gestrenger Herr und Gebieter morgen nicht zu beklagen hat, oder uns vorwerfen kann, wir wären lässig gewesen. Komm, Paula, und nun nicht mehr weinen,« fuhr sie fort, der Trauernden die Thränen mit ihrem eigenen Tuch von den Augen wischend, »Du mußt hübsch folgen und brav sein,« und ihren Arm um sie schlagend, führte sie die Schwester in ihr Zimmer hinüber.
Felix blieb allein im Saale. Er hatte sich eine Cigarre angezündet und ging eine Weile sinnend auf und ab. Es war indessen völlig dunkel geworden, aber er klingelte noch nicht nach Licht – er merkte es gar nicht. Mit seinen Gedanken war er wieder in Brasilien. Wie wunderbar sich Alles gestaltet hatte – heute gerade wieder der Jahrestag seines Abschieds von Santa Clara, wo er zu jener Frau in's Zimmer trat und sie zwang, ihm das Couvert für Helene zu geben! Welche Hoffnungen hatten sich daran geknüpft – wie hatte Helene die Zeit herbeigesehnt, in der sie ihrer Mutter in die Arme fliegen könne, und jetzt? Alles vorbei. Wieder standen, wie damals, die Koffer gepackt, aber nicht mehr der Heimath strebten sie entgegen, die Heimath gerade wollten sie eben fliehen.
Der Diener kam mit Licht, und Rottack erschrak ordentlich, als der helle Glanz sein Auge traf; aber er duldete es und warf sich, die Gedanken abschüttelnd, in einen Fauteuil, um die den Nachmittag eingetroffenen Zeitungen zu durchfliegen.
Eine Stunde mochte er so gesessen haben, als Helene zurückkehrte und, ihren Arm um ihn legend, seine Stirn küßte.
»Ist Paula ruhiger?«
»Ja, Felix; sie hat sich erst drüben noch einmal ordentlich ausgeweint, denn auf Deinen heutigen Besuch schien sie doch noch im Stillen wohl eine letzte Hoffnung aufgebaut zu haben. Jetzt ist es vorbei und überstanden, und sie sehnt sich nun selber weg von Haßburg mit seinen furchtbaren Erinnerungen.«
»Wunderbar,« sagte Felix, »wie fast Alles, was mit dieser entsetzlichen Katastrophe zusammenhing, todt und dahin ist. Da lese ich eben in der Zeitung, daß Hubert, Graf von Bolten, vor wenigen Tagen in Österreich beim Zureiten eines wilden, störrischen Pferdes von diesem abgeschleudert, geschleift und todt nach Hause getragen wurde.«
»Es war ein wilder, übermüthiger Mensch.«