Die Fremde schlug den Schleier zurück, und ein bleiches Antlitz starrte daraus hervor.
»Gräfin Monford!« schrie Felix, von seinem Stuhl emporspringend.
»Meine Mutter!« flüsterte Helene und mußte sich an der Stuhllehne anhalten, um nicht umzusinken.
Die Gräfin sprach kein Wort. Schweigend drückte sie die Thür hinter sich in's Schloß und trat dem Tisch näher. Dort blieb sie stehen; aber jede Spur von Stolz war aus den bleichen Zügen gewichen, in die der Gram seine tiefen Furchen gegraben, und die rechte Hand langsam gegen die Tochter ausstreckend, sagte sie mit leiser, kaum hörbarer Stimme: »Helene!«
»Meine Mutter!« wiederholte Helene; aber nur wie ein Hauch quollen die Worte über ihre Lippen. Sie rührte sich nicht, keine Bewegung machte sie, dem Anruf zu begegnen.
»Helene, kennst Du Deine Mutter nicht mehr?« sagte die Gräfin aber so weich, so bittend.
Felix sah staunend seine Frau an; aber sie rührte sich nicht. Ihre ganze Gestalt bebte, ihr Antlitz war fast noch bleicher geworden, als das der Mutter; aber während sie krampfhaft die Lehne des neben ihr stehenden Stuhls gefaßt hielt, sagte sie mit fester Stimme:
»Und wo ist Deine Tochter Paula, Mutter?«
Die Gräfin barg ihr Antlitz in den Händen und stand regungslos; aber plötzlich fuhr sie empor:
»Das ist der Name, der mich Tag und Nacht gequält,« rief sie in wilder Erregung aus, »das ist der Wurm, die Reue, die an meinem Herzen genagt, und Alles, Alles hat mich verlassen! Helene, willst auch Du mich verstoßen? Du allein hättest ein Recht dazu – aber sieh hier die Thränen einer Mutter! Helene, mein Kind – mein letztes Kind, stoße mich nicht in Nacht und Verzweiflung!« Und in wilder Leidenschaft zu ihr hinstürzend, ehe Felix noch eine Ahnung haben konnte, was sie beabsichtige, warf sie sich vor Helenen nieder, umfaßte ihre Kniee und barg das thränende Antlitz in ihrem Kleide.