»In der That,« sagte der alte Herr, »dann freilich müssen wir Ihrer lieben Frau Gemahlin um so dankbarer sein, wenn sie von unserer Gegend befriedigt ist, denn mit den Tropen können wir uns allerdings nicht messen. Aber schön ist es trotzdem hier bei uns; bitte, Frau Gräfin, treten Sie einmal hier auf die Terrasse und sehen Sie, wie allerliebst das alte Haßburg da unten liegt; dort rechts hinüber glaub' ich auch sogar, daß man das Dach Ihres eigenen Hauses von hier erkennen kann, auch ein Stück vom Hause selbst. Ah, da kommt auch George – mein Sohn – Gräfin Rottack.«
Helene war mit dem alten Herrn vor das Haus auf die offene Terrasse getreten, um sich die Aussicht zeigen zu lassen; ergriff sie doch selber mit Freuden die Gelegenheit, gerade jetzt, wo Brasilien zuerst genannt worden, hinaus an die freie Luft zu treten, um sich durch keine Bewegung, durch kein Erröthen zu verrathen.
Auch die Gräfin Monford war aufgestanden und mit ihr Felix, um den Beiden zu folgen; aber sie zögerte noch. Es lag ihr eine Frage auf der Zunge, die sie sich scheute auszusprechen, und doch mußte sie gethan werden. Graf Rottack bemerkte dabei, daß etwas sie beunruhige, aber er hütete sich wohl, ihr entgegen zu kommen. Die Gräfin durfte jedoch diesen einen Moment, wo sie sich mit dem Fremden gewissermaßen allein im Zimmer befand, nicht unbenutzt vorübergehen lassen, und sich, schon im Begriff, auf die Terrasse zu gehen, noch einmal zu dem jungen Mann wendend, sagte sie mit so gleichgültigem Ton als möglich:
»Wie hieß die Colonie, wo Sie gewohnt haben, Herr Graf?«
»Santa Clara, gnädige Gräfin,« erwiderte Felix, sich leicht verbeugend; »meine Helene ist die Tochter der dort ansässigen Gräfin Baulen.«
»In der That?« hauchte die Gräfin und blieb einen Moment mit der Hand auf den Stuhl gestützt, an dem sie eben vorüber wollte, stehen; aber es war auch nur ein Moment. »Ah, da kommen meine Kinder,« sagte sie; »bitte, Herr Graf, wollen Sie nicht hinaus auf die Terrasse treten?«
Sie ging langsam voran hinaus, und Rottack ließ ihr hier absichtlich Zeit, um sich vollständig zu sammeln, indem er vorher dem jungen Grafen George und dessen Schwester Paula vorgestellt wurde und sich freundlich mit ihnen unterhielt.
Und Helene stand Paula gegenüber, die mit ihren treuen, kindlichen Augen fast scheu zu ihr aufsah. Oh wie gern hätte sie das liebe, holde Kind an sich gezogen, fest, fest in ihre Arme, und mit dem theuren, noch nie gebrauchten Schwesternamen genannt! Wie lieb und gut sie aussah, und wie traurig doch und ernst – war denn auch schon in dieses junge Herz die Sorge, der Kummer eingekehrt? Sie vermochte auch nicht, es hier bei der kalten üblichen Form zu lassen, und auf das junge, sich schüchtern vor der hohen, edlen Gestalt neigende Mädchen zugehend, schloß sie Paula halb in die Arme und küßte sie auf die Stirne.
Und die Gräfin?
Felix hatte mit den beiden Grafen Monford an der Terrasse gestanden, über das Land hinausgesehen und das Treiben in der unter ihnen liegenden Stadt beobachtet. Jetzt wandte er sich wieder der Gräfin zu und ertappte sie gerade, wie ihr Blick ernst und forschend, aber ohne das geringste Zeichen innerer Bewegung an Helenen hing. Kaum fühlte sie aber, daß des jungen Grafen Auge auf ihr haftete, als sie sich diesem zuwandte und, mit zu der Terrasse tretend, ihn in ihrer gewöhnlichen ruhigen Weise auf die einzelnen Schönheiten der Scenerie aufmerksam machte.