»Und doch so kalt, doch so hart!«
»Beruhige Dich darüber, Helene,« sagte Felix freundlich; »Anderes konnten wir für diese erste Zusammenkunft kaum erwarten. Die Überraschung war zu groß – ich sah ihr an, daß sie Mühe hatte, ihre Fassung zu bewahren, was sie allerdings mit einer mir selber unerklärlichen Seelenstärke möglich machte. Laß ihr jetzt Zeit, das Gehörte still und allein, und von keinen äußeren Eindrücken gestört, zu überdenken. Laß sie erst mit sich selber in's Reine kommen, und sie selber wird Dich dann aufsuchen – sie muß es ja thun, wenn sie nicht jedes Gefühls bar sein sollte!«
»Und wenn sie es nicht thut, Felix?«
»Wozu uns jetzt mit einer Unmöglichkeit absorgen? Sie wird es sicherlich, mein Kind.«
»Und wenn sie es nicht thut?«
»Dann versuchen wir das Letzte, dann fordere ich für Dich eine Unterredung mit ihr – eine Ausrede, dem alten Herrn gegenüber, ist bald gefunden – und die kann und wird sie Dir nicht weigern. Dann aber ist sie auch nicht im Stande, Dir zu widerstehen, deß bin ich fest überzeugt. Liegst Du erst einmal an ihrem Herzen, dann läßt sie Dich auch nicht wieder, noch dazu, wenn sie erfährt, daß ihr Geheimniß in sicheren und treuen Händen ruht; daß Du nichts, nichts auf der weiten Gotteswelt von ihr verlangst, als ihre Liebe...«
Der Wagen hatte indessen die kurze Entfernung zurückgelegt, und während er in den Garten einfuhr und vor dem Hause hielt, sahen sie, daß sich Jeremias schon eingefunden und mittlerweile mit den Kindern beschäftigt hatte. Er spielte Kutsche und Pferd mit ihnen, und während er die vor Vergnügen zappelnde kleine Helene auf dem Arme trug und dabei den Kiesweg entlang galoppirte, hatte ihn Günther hinten an beiden Rockschößen und rief Jüh! und Hoh! und suchte ihn bald links, bald rechts einzulenken.
Nur wie die Eltern in den Garten einfuhren, ließ der Kleine los und sprang dem Portale zu, um der Erste zu sein, der sie begrüßte, und Helenchen streckte ihnen ebenfalls, in lautem Jubel aufkreischend, die Ärmchen entgegen, so daß Jeremias jetzt wohl oder übel seinen noch nicht unterbrochenen Galopp dorthin lenken mußte.
»Haben Sie lange auf mich gewartet, Jeremias?« rief ihm der junge Graf entgegen.
»Eben im Augenblick hat es erst Zwei geschlagen,« sagte Jeremias, der indessen die Kleine der Mutter hinreichen mußte, »und das wilde Völkchen hier hat mich tüchtig in Athem gehalten.«