„Ach das viele Geld so hinauswerfen“, sagte die kleine Frau seufzend, „es wird mir aber am Ende nichts Anderes übrigbleiben, und ich glaubte so fest, daß ich sie mithätte.“

„Nun vielleicht finden sie sich noch“, suchte sie Herr Mahlhuber zu trösten; aber der Trost war sehr schwach, denn der Zug hielt in diesem Augenblick und die junge Frau stieg, wie das Coupé geöffnet wurde, mit freundlichem Gruß aus.

„Station Hochstadt!“ sagte der Conducteur. „Der Zug wird gleich wieder fortgehen.“

Der Commerzienrath hatte ihr eben den Reisebeutel nachgereicht, als draußen ein Kellner mit Bier vorüberkam. Herrn Mahlhuber durstete, ebenfalls eine Folge seines Leberleidens, wie er sich selber entschuldigte, fortwährend, und er gedachte nicht eine so gute Gelegenheit vorbeizulassen, den Durst zu löschen. Wie er aber ausstieg warnte ihn der Conducteur den Zug nicht zu versäumen, der den Augenblick wieder abgehen würde.

„Nur einmal trinken, lieber Freund“, sagte der Commerzienrath bestürzt, „ich habe ein Leberleiden, die gelbe Hypertro—“

„Ja von der kommt’s“, lachte der Mann, ebenfalls ein Glas auf einen Zug leerend und sich den Bart wischend, „das weiß der Henker, die ist immer trocken“, und ohne sich weiter mit dem Passagier einzulassen, ging er seinen Geschäften nach den Zug hinunter.

Commerzienrath Mahlhuber trank sein Bier aus, bis auf die Nagelprobe, sprang aber gleich darauf erschrocken, als die Locomotive einen kleinen Pfiff that, in das Coupé zurück, solche Angst hatte er dagelassen zu werden. Uebrigens blieb ihm auch gar nicht viel Zeit, denn als er eben noch zum Fenster hinaussah, pfiff es draußen wirklich und der Zug setzte sich langsam in Bewegung. Wie sie an den Bahnhofgebäuden vorüberfuhren, sah er die junge Frau, die von ihnen ausgestiegen und deren Platz ein junger Mensch mit semmelblonden Haaren eingenommen, draußen nicht weit von den Schienen stehen. In dem Augenblick berührte aber auch zufällig sein Fuß etwas im Wagen, das ihm wie ein Ueberschuh vorkam, und rasch, in der Erregung des freudigen Gefühls, ein gutes Werk zu vollführen, und selbst auf die Gefahr hin, seiner Leber Schaden zu thun oder ein paar Knöpfe abzusprengen, fuhr er mit der linken Hand hinunter und erfaßte wirklich zwei dort stehende große Schuhe.

„Hier sind Ihre verlorenen Schuhe, Madame!“ rief er in vollem Jubel hinaus.

„Ach, ist es möglich?“ rief die junge Frau und streckte die Arme danach aus. An ein artiges Ueberliefern war aber gar nicht mehr zu denken, denn der Zug fing schon an rasch zu gehen, und mit wirklich lobenswerther Entschlossenheit ergriff er die beiden Schuhe und warf sie nach der Richtung hin, wo die Dame stand, die mit freundlichem Handwinken ihm für seine Gefälligkeit, als er sich noch lächelnd nach ihr hinaus aus dem Fenster bog, dankte.

„Herr, sind Sie des Teufels?“ schrie in dem Augenblick die dicke ihm schräg gegenübersitzende Dame und wurde kirschroth im Gesicht vor Zorn und Aufregung. „Sie haben meine Schuhe aus dem Fenster geworfen — halt da! — halt — halt!“ schrie sie dabei und drängte sich in wilder Aufregung dem offenen Fenster zu, die ihr im Wege Sitzenden mit Keilkraft auseinandertreibend; „halt!“ schrie sie, sehr zum Ergötzen der draußenstehenden Bahnwärter und Arbeiter, denn an den Gebäuden waren sie schon vorüber, „halt, meine Schuhe — ich muß meine Schuhe haben — ich kann nicht ohne meine Schuhe weiterfahren!“