Der arme geplagte Commerzienrath lief mehr als er ging, den heißen Sonnenstrahlen zum Trotz, gen Lichtenfels, als ob er durch seine eigene Eile die Abfahrt des Bahnzugs hätte beschleunigen können. Der Schweiß rann dabei in großen Tropfen von der Stirn nieder, und die Leber mußte — dem Gefühl in der Magengegend nach — durch den übereilten Spaziergang wenigstens wieder um einen halben Zoll gewachsen sein; wie sollte das enden!

Athemlos und zum Tode erschöpft erreichte er endlich Lichtenfels und verlebte hier noch anderthalb qualvolle Stunden, ehe von Staffelstein das Zeichen heraufkam, daß der so heißersehnte Zug nahe. Sein Billet hatte er indessen durch einen der Packleute lösen und sein Gepäck bis Burgkunstadt aufgeben lassen, dadurch war er doch vielleicht im Stande die Verfolger irrezuführen, besonders wenn er in Burgkunstadt einen falschen Namen auf der Post angab. Heiliger Gott! wie viel Lügen hatte schon die einzige Unwahrheit nachgezogen, und in was für ein entsetzliches Gewebe von Falschheiten war er, der schlichte einfache Mann aus der Provinzialstadt, durch seinen bösen Stern gejagt, hineingerathen! Mußte er nicht zuletzt die Achtung vor sich selbst verlieren; nicht erröthen, wenn er das mit solcher Seligkeit erhaltene Ludwigskreuz wieder an seinen Rock knöpfte! Es war zum Verzweifeln!

Sein Blick streifte indessen unruhig von dem Bahngleis, das von Staffelstein heraufführte, nach der lichtenfelser Chaussée hinüber, deren weißer Streifen scharf gegen den dunkeln Hintergrund des Waldes abstach — und dort kam ein Wagen herunter, die Pferde liefen was sie laufen konnten, und in dem Wagen — wenn die beiden Menschen darin saßen, war er verloren.

„Gehen Sie da vom Gleis herunter, mein bester Herr Commerzienrath“, sagte der Gendarm, ihm freundlich auf die Achsel klopfend, und sein Herz schlug ihm fast hörbar in der Brust, als er die Uniform erkannte, „da hinten können Sie schon den Dampf vom herankommenden Zuge erkennen.“

„Ich — ich bin Ihnen sehr dankbar“, stammelte der Commerzienrath, „nicht wahr, der Zug hält sich nur sehr kurze Zeit auf?“

„Fünf Minuten etwa —“

Fünf Minuten — der Wagen mußte indessen Lichtenfels erreicht haben.

„Das Gepäck von Ihrem Fräulein Nichte ist wol auch schon besorgt?“ sagte der Gendarm wieder.

„Von meiner Nichte?“ stöhnte der Gepeinigte.

„Ach, wird wol Alles in Ordnung sein“, beruhigte ihn der Schrecken der Vagabunden, „ich sah wie sie es vorhin dem Packmeister übergab.“