Der Commerzienrath wäre vor Schrecken beinahe in die Knie gesunken und durfte jetzt nicht einmal, dem Manne gegenüber, das geringste Erstaunen über die Nachricht bezeigen. Seine Nichte, das unglückselige Frauenzimmer, war wieder hier, fuhr mit ihm wahrscheinlich wieder in einem Zuge und mußte ja jeden Unbefangenen selbst in dem Verdacht bestärken, daß sie Beide nach einem gemeinschaftlichen Plane handelten. Und dazu der Wagen; das hatte noch gefehlt. Ein möglicher Ausweg zur Rettung blieb ihm aber noch; Zeit genug sein Billet umzutauschen hatte er, und in den Wagen erster Classe saßen gewöhnlich, wie er schon früher bemerkt hatte, immer nur sehr wenig Personen. Dort konnte er sich dann in eine Ecke drücken und, von Niemand gesehen, bis zu seiner Station sitzen bleiben. Den Entschluß auch sofort zur Ausführung bringend, zahlte er was er noch auf ein Billet erster Classe zu zahlen hatte, und traf eben wieder zur rechten Zeit vor dem Bahnhofgebäude ein, den Zug heranbrausen und halten zu sehen, während zu gleicher Zeit hinter der Restauration das schmetternde Horn eines Postillons erklang.
Vor den Augen flirrte und flimmerte es ihm; ohne aber den Kopf auch nur nach Irgendjemand noch umzudrehen, zog er seinen Mantel fest um sich her, griff Reisesack, Schirm und Stock auf und wandte sich an den ersten Conducteur, der vom Wagen sprang, seinen Platz erster Classe angewiesen zu bekommen.
„Bis wohin?“
„Burgkunstadt.“
„Steigen Sie nur hier ein“, rief der Mann sehr artig, „hier ist Platz genug.“
„Empfehle mich Ihnen, Herr Commerzienrath“, sagte der Gendarm, und im nächsten Augenblick saß der gequälte Mahlhuber, Todesangst im Herzen, fest in einer Ecke des vollkommen leeren Coupé gedrückt und zählte unter Zittern und Zagen die Secunden bis zur Abfahrt.
Draußen vor dem Coupé wurden jetzt Stimmen laut.
„Machen Sie rasch, meine Herrschaften“, drängte der Conducteur, „die Zeit ist schon abgelaufen und wir sind überdies sieben Minuten zu spät.“
„Hier in dem Coupé sitzen der Herr Commerzienrath“, sagte zugleich die zuvorkommende Stimme des Gendarm — und Mahlhuber’s Blut stockte — sein Puls hörte auf zu schlagen —
Die Thür wurde in diesem Augenblick aufgerissen und ein junger Mann sah hinein; ein scharfer Pfiff der Locomotive ließ ihm aber keine Wahl weiter, und er sprang rasch die eisernen Tritte hinauf, drehte sich in der Thür um, um einen Reisesack in Empfang zu nehmen, und half dann einer Dame nach. Die Thür wurde zugeworfen. „Ihre Billets, meine Herrschaften“, sagte der Conducteur, und der Zug setzte sich langsam in Bewegung.