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Wieder unterwegs.


Als der Commerzienrath den Damenhut sah, athmete er freier auf — er war gerettet — der Zug im Gange und an eine Verfolgung der beiden wüthenden jungen Leute für jetzt nicht mehr zu denken. Das Einzige blieb ihm noch zu thun, sich in Burgkunstadt mit sowenig Aufsehen als möglich vom Bahnhofe zu entfernen, spätere Verfolgung vielleicht irrezuleiten, und da er dort gar nicht bekannt war, mußte es ihm auch leicht sein, einen falschen Namen für den seinigen in das Register eintragen zu lassen. Nach einem Paß fragte ihn auf der ganzen Strecke Niemand.

Die beiden jungen Leute, die mit ihm in einem Coupé saßen, hatten indessen rasch und heimlich miteinander geflüstert und die Dame besonders mehrmals den Kopf nach ihm umgedreht. Der Commerzienrath war aber, nach den letzten bittern Erfahrungen, fest entschlossen, sich mit Niemandem mehr hier draußen, wer es auch immer sei, in ein Gespräch einzulassen, man konnte nie wissen, was dahintersteckte, und mit Frauen besonders hatte er gerade genug in den paar Tagen erlebt.

„Wenn ich mich nicht ganz irre“, redete da plötzlich die junge Dame den trotz der warmen Witterung in seinen Mantel zurückgezogenen Commerzienrath an, „so habe ich schon gestern das Vergnügen gehabt, mit Ihnen in einem Coupé zu fahren, mein Herr, und bin Ihnen zu so großem Danke verpflichtet worden.“

„Mir?“ sagte der Commerzienrath und sah seine Nachbarin groß und erschrocken an, „mir zu Dank verpflichtet — bei Allem was da lebt!“ fuhr aber plötzlich von seinem Sitze empor, „da ist meine Nichte!“

„Mein bester Herr, ich kann Ihnen gar nicht sagen, welch großen Dienst Sie uns gestern durch Ihre freundliche Onkelschaft geleistet haben“, nahm jetzt der junge Mann für die tieferröthete Dame das Wort, „meine arme Marie, die sich einer verhaßten Verbindung, zu der sie ihr Stiefvater zwingen wollte, aus Liebe zu mir durch die Flucht entzog, wäre, ehe ich von ihrer Ankunft benachrichtigt sein konnte, fast verrathen und dann jedenfalls wieder zurückgeliefert worden. Das ist jetzt nicht mehr zu fürchten, und wir sind eben auf dem Wege, uns ihrem Vater selber vorzustellen, der sich wohl oder übel über das einmal Geschehene wird trösten müssen.“

„Na ich gratulire Ihnen“, sagte der Commerzienrath mit sehr zweideutigem Tone. „Wenn Sie übrigens den beiden jungen Burschen, den Brüdern der Dame, wenn ich nicht irre, die ich heute von Staffelstein aus nach Koburg geschickt habe, um sie nur loszuwerden, in die Hände fallen, so will ich auch meinem Gott danken, wenn ich nicht in der Nähe bin.“

„Meine Brüder nach Koburg geschickt?“ rief die junge Dame, hochaufhorchend, und der Commerzienrath mußte jetzt erzählen, wie das gekommen und welche Angst er selber dabei als Mitschuldiger ausgestanden. Die beiden jungen Leute hörten ihm im Anfange ganz ernsthaft zu; über das liebe rosige Gesicht der jungen Frau blitzte und zuckte es aber indessen wie zitterndes Sonnenlicht auf einem leichtbewegten Bache, ihre großen braunen Augen funkelten in einem kaum noch zu bezwingenden Humor, und als der Commerzienrath endlich zu der Stelle kam, wo ihn die Brüder gefragt, ob er vielleicht der ältliche Herr selber sei, konnte sie sich nicht länger halten und lachte geradeheraus. Daß das so klar und silberhell klang und das kleine Gesichtchen gar so lieb und gutmüthig, ja mitleidig und theilnehmend dabei aussah, konnte den Commerzienrath nicht beruhigen, und seinen ganzen Ingrimm über erlittene Unbill und schmähliche Behandlung zusammenraffend, sagte er mit seinem zornigsten Ausdruck in Wort und Blick, aber doch mit seiner nie zu verleugnenden Höflichkeit: