„Ja wol — können Sie mir nicht sagen, wann die Post abgeht?“ rief der Commerzienrath, seine Habseligkeiten aufgreifend.
„Wird wol gleich abfahren“, lautete die willkommene Nachricht, „hier steht schon der Postwagen.“
„Ach, ich danke Ihnen sehr; also ich empfehle mich Ihnen nochmals.“
„Recht glückliche Reise!“ riefen die beiden jungen Gatten ihrem gepreßten Onkel nach, und der Commerzienrath sah sich im nächsten Augenblick wieder mit einem Gefühl großer Genugthuung neben dem Postwagen stehen, der ihn zurück zu seiner Dorothee, zu seiner häuslichen Bequemlichkeit, zu Ruhe und Frieden bringen sollte. Sich um den Zug auch nicht im mindesten weiter bekümmernd, gab er einem der mit Nummern versehenen, also vereideten Diener seinen Gepäckschein mit dem Auftrag, seine Koffer in das dicht dabei befindliche Postgebäude zu tragen und wiegen zu lassen, und er selber begab sich ebenfalls rasch dorthin, sein Fahrbillet direct nach Gidelsbach zu lösen. Die beiden Brüder brauchte er, der empfangenen Nachricht nach, Gott sei Dank nicht mehr zu fürchten, und er dachte gar nicht daran, noch in einem dritten Wirthshause die entsetzlichen Scenen der beiden letzten Nächte zu wiederholen — er hatte von denen genug.
Sein Billet war gelöst, sein Gepäck besorgt und schon zum Eilwagen geschafft, der dicht an das Postcoupé des Zuges anfuhr, die dort für das Binnenland bestimmten Briefe und Packete in Empfang zu nehmen.
Der wurde heute übrigens etwas länger als gewöhnlich in Burgkunstadt aufgehalten, da mehre Güterkarren hier gelassen, andere wieder angehängt werden mußten, und die Post war dadurch zur Abfahrt fast ebenso früh fertig als der Zug. Der Commerzienrath stand eben vor der geöffneten Thür, in die er schon Reisesack und Schirm hineingeschoben, während eine Dame mit ein paar Hutschachteln in der Hand ebenfalls zu ihm trat, als plötzlich eine tiefe Stimme aus einem der geöffneten Fenster des Coupé zweiter Classe herausschrie:
„Herr Commerzienrath Mahlhuber! Herr Commerzienrath Mahlhuber!“
Der Gerufene drehte sich, wie von einer Natter gestochen, nach der Stimme um und erkannte zu seinem Entsetzen den schweigsamen Mann aus der Post von Gidelsbach, der, ihm freundlich und ganz zutraulich winkend, mit dem halben Leibe aus dem Coupéfenster lehnte.
„Nun wie geht’s?“ rief er dabei mit einem breiten Grinsen über das ganze Gesicht und mit der Hand herübergrüßend, „schon zurück nach Gidelsbach? — Haben doch Ihre Pistolen wieder geladen? — Wünsche Ihnen recht glückliche Reise!“
Der Commerzienrath drehte sich halb nach dem frechen Menschen um und warf ihm einen verächtlichen Blick zu, als in demselben Augenblick die Locomotive einen scharfen grellen Pfiff that. Herr Mahlhuber aber, von seiner bisherigen Eisenbahnfahrt immer noch in der steten Angst zurückgelassen zu werden, vergaß ganz, daß er gar nicht mehr zu dem Zuge gehöre und wollte in rücksichtloser Hast in den vor ihm geöffneten Postwagen fahren.