„Nun, Herr Jesus, um Gottes Willen, was haben Sie denn nur? Sie rennen Einen ja ganz über den Haufen!“ rief die Dame, gegen die er in seiner Angst angeprallt war.

„Bitte tausend mal um Entschuldigung!“ rief der Commerzienrath, während von dem sich jetzt in Bewegung setzenden Bahnzug ein höhnisches Lachen zu ihm herübertönte, „die Locomotive pfiff —“

„Na die Post geht Ihnen deshalb doch nicht durch, lieber Mann“, erwiderte die Dame, sich mit einigen leisegemurmelten, eben nicht freundlichen Worten ihren Hut wieder in Façon drückend, „ist mir so etwas schon in meinem Leben vorgekommen?“

Zerknirscht, doch ohne ein Wort weiter zu erwidern, nahm der arme abgehetzte, mishandelte Commerzienrath nach der Dame in der gegenüberbefindlichen Ecke Platz; jetzt aber fest entschlossen, was auch geschehen möge, dem boshaften Geschick keinen weitern Halt an sich zu geben. Schweigend legte er sich zurück, zog sich die Mütze tief in die Stirn und schloß die Augen. Er sprach nicht, er hörte nichts, was zu ihm gesprochen wurde, er beklagte sich nicht über Zug noch Hitze, kümmerte sich weder um die schöne Gegend noch um die alte Nachbarin, und trug mit einer wirklich rührenden Resignation die neuen Leiden der nächtlichen Postfahrt, die seinem matten Körper kaum eine flüchtige Stunde Schlaf gestattete.

In Otzleben besonders rührte er sich nicht von seinem Platze, und nur einen verstohlenen Blick warf er aus dem heraufgezogenen Fenster, sich bei dem Anblick des alten Postgebäudes die Scenen der vorvorigen Nacht noch einmal ins Gedächtniß zurückzurufen und seinem Gott zu danken, daß sie eben einer vergangenen Nacht angehörten.

Es war Abend — die Mamsell stand in der Hausthür, die Arme mit den aufgestreiften Aermeln in die Seite gestemmt, das große Schlüsselbund vorn an der Schürze, und nebenan aus dem Stalle führte der halbe Hausknecht die frischen Pferde herzu, mürrisch dabei mit den Schlepppantoffeln über das Hofpflaster schlurrend. Welch stilles Bild des Friedens — und dort hinten? —

„Satanskröte“, murmelte der Commerzienrath zwischen den Zähnen durch, als er den kleinen siebzehn mal hinausgeworfenen Pudel gerade wieder, wie er ihn verlassen hatte, in der Thür sitzen und sich kratzen sah, „weiter fehlte mir nichts, als heute Nacht noch ein solches Quartier im grünen Zimmer.“

Die Dame, der einzige Mitpassagier im Wagen, die den Commerzienrath schon mehrmals unterwegs angeredet und nach Dem und Jenem gefragt, aber nie eine Antwort bekommen hatte, schien endlich zu der Ueberzeugung gekommen zu sein, daß er entweder stocktaub wäre oder doch wenigstens sehr schwer höre. Das herauszubekommen, denn das schweigsame Imwagensitzen war ihr entsetzlich — bog sie sich plötzlich soweit sie konnte zu dem Commerzienrath über und schrie ihm ins Ohr:

„Wie heißt der Ort hier?“

„Herr du meine Güte“, sagte der Commerzienrath zusammenfahrend, „haben Sie mich erschreckt.“