„Das hört er doch“, brummte die Dame befriedigt vor sich hin; „nun?“ schrie sie dann wieder, „wissen Sie nicht wie der Platz heißt?“
„Otzleben, soweit ich mich entsinne“, sagte ihr Nachbar, also gepreßt.
„Freundliches Dörfchen hier, wie?“ schrie die Dame wieder; aber Mahlhuber ging nicht in die Falle. Er dachte an die zerschossene Hutschachtel, an die Ueberschuhe, an die Nichte. — Das Alles waren die Folgen eines leichtsinnig angeknüpften Gesprächs gewesen.
„Freundliches Dörfchen hier“, schrie seine Nachbarin noch einmal, sich doch wenigstens gehört zu machen; der Commerzienrath aber warf noch einen Blick hinaus auf seine Freundin, die Mamsell mit den langen Locken und aufgestreiften Aermeln, auf den komischen Hausknecht und den Pudel, zog dann den Mantel um sich her, drückte sich fest in seine Ecke und verweigerte hartnäckig selbst seine Zustimmung zu dem ganz unverfänglichen Lobe von Otzleben.
„Ist das ein tauber Esel“, brummte die Dame halblaut, aber vollkommen verständlich zwischen den Zähnen durch; „wird man auch noch mit so einem langweiligen Peter von Reisegesellschafter geplagt, du meine Güte!“ und ihren großen Reisekober neben sich zurechtrückend, stemmte sie die beiden Füße auf den gegenüberbefindlichen Sitz, faltete die Hände im Schoose und schloß ebenfalls die Augen.
[15.]
Die Heimkehr.
Eine Station nach der andern passirten sie derart, ohne auch nur ein Wort weiter miteinander zu wechseln, aber auch ohne das mindeste Außergewöhnliche oder Störende in ihrer Fahrt. An Schlaf war natürlich für den des Fahrens ungewöhnten Commerzienrath nicht zu denken, und seine Leber mußte seiner Meinung nach blaue Flecke bekommen haben, so stieß sie fortwährend, worauf er hätte schwören wollen, gegen Magen und Rippenwände an. Aber mit jeder Meile, die sie zurücklegten, kamen sie auch seiner Heimat, seiner Häuslichkeit, dem gemüthlichen Schlafrockleben wieder näher; jeder Stoß des Wagens half ihm über einen Stein fort, der noch zwischen ihm und Gidelsbach lag, und er ertrug das Schwerste mit einem Lächeln im Herzen.
In der Nacht bekamen sie noch mehr Passagiere in den Wagen; ein dicker Herr mit einem entsetzlichen Schnupfen stieg etwa um Mitternacht ein, als sie in einem kleinen Städtchen mit fürchterlichem Pflaster und einem heisern Nachtwächter umspannten, und gegen Morgen kam noch ein junger Bursch mit einer grünlackirten riesig großen Botanisirtrommel in den Wagen und erzählte den Passagieren, daß er zum ersten male eine Fußreise gemacht habe und jetzt wieder zurück zu seinen Aeltern gehe. Er hieß Karl Becker, wie er aussagte, war 14 Jahre alt, in der Schule in Tertia, und hatte bei der letzten Prüfung die beste Censur bekommen. An dem Commerzienrath prallte das aber Alles ab, und die Dame begann dann mit dem dicken verschnupften Herrn eine Unterhaltung über Kinder und Butterpreise. Dieser wandte sich auch einmal im Laufe des Gesprächs an Mahlhuber. „Der ist stocktaub“, entschuldigte ihn aber die Dame, und man ließ ihn ungestört gewähren.