Manche von ihnen kamen auch nicht leer, denn Niemand verläßt im Wald das Haus, ohne die getreue Büchse auf den Sattelknopf zu legen, und schon unterwegs hatte Der einen Truthahn, Jener einen Hirsch oder ein Wildkalb geschossen, so daß Wildpret genug zusammen kam, um die ganze Gesellschaft eine volle Woche „in Fleisch“ zu erhalten. Whiskey gab es ebenfalls in Ueberfluß — zwei mächtige Steinkruken voll, und es läßt sich denken, daß die Geladenen bei Laune waren, und rüstig arbeiteten, um ihr Tagewerk schnell zu Ende zu bringen. Dies geschah in folgender Art:
Am dicksten Baum wurde das untere und schwerste Ende an Ort und Stelle gelassen, und das nächste Stück, mit Hebebäumen und Walzen nur herumgeschoben, daß es daneben zu liegen kam; dann hoben zwölf oder sechzehn kräftige Burschen das dritte auf darunter geschobene Stangen und warfen es auf die ersten beiden, und leichtes Holz wurde nachher darum her aufgeschichtet. So formte man so viele Haufen als Material vorhanden war, und während das junge Volk die abgebrochenen Zweige und Wipfel zusammenschleppte und über einander warf, wurden Feuer an den verschiedenen Haufen angezündet, und diese in Brand gebracht — galt es ja doch nur das Holz aus dem Weg zu schaffen und je rascher und vollkommener das geschehen konnte, desto besser.
Martin war, auf besondere Einladung Warners, ebenfalls erschienen und zeigte sich nicht besonders erfreut, verschiedene alte Bekannte hier zu treffen. Mich selber behandelte er wenigstens sehr kühl, schüttelte dagegen Willis’ junger Frau auf das herzlichste die Hand und beantwortete alle ihre Fragen auf das bereitwilligste.
Sonderbar kam es mir vor, daß ich Willis’ Schwägerin, die muntere Mrs. Fanny, nicht unter den Gästen entdecken konnte, ich frug auch Warner deshalb. Er gab aber nur eine ausweichende Antwort und meinte: „sie würde gewiß noch kommen — sie wäre, wie er glaubte, nicht so rasch mit ihren ‚Anzügen‘ fertig geworden.“
Es ist das nämlich noch eine Eigenthümlichkeit der Backwoods-Damen, die ich hier ausdrücklich erwähnen muß, denn es betrifft eine höchst interessante Thatsache: Allbekannt ist es nämlich nicht allein in Deutschland, sondern in ganz Europa, daß Damen nicht gern — oder eigentlich überhaupt nicht — zweimal in ein und demselben Kleid auf verschiedenen Bällen erscheinen, und es bedarf deshalb in einer Familie, wo ein Subaltern-Beamter mit sehr geringem Gehalt drei oder vier tanzfähige (und oft schon über tanzfähige) Töchter hat, keiner geringen Geschicklichkeit, die „Roben“ jedesmal so umzuändern, und mit den wenigsten Kosten neu zu gestalten, daß sie nicht wieder erkannt werden können, oder doch wenigstens Zweifel über ihre Identität zulassen.
Dasselbe Bedürfniß nun, sich nicht zu oft in einem Kleid zu zeigen, fühlen merkwürdiger Weise die transatlantischen ladies der backwoods eben so stark, aber es zeigt sich dabei ein anderes Phänomen weiblicher Schlauheit: Wie selten geschieht es nämlich, daß sie wirklich zu einem solchen Fest und Tanz zusammen kommen — im Jahr vielleicht zwei, höchstens drei Mal, und das wäre dann keine rechte Kunst, drei neue Kleider aufzubringen — es sollen aber viele gezeigt werden, und wo sich die Gelegenheit so selten bietet, muß sie deshalb beim Schopf ergriffen werden. Daher kommt es denn, daß man zu solchen Festen die jungen Damen nie anreiten sieht, ohne ein großes Bündel vorn am Sattelknopf hängen zu haben, und in dem Bündel steckt nichts Anderes als die Vorrathsgarderobe.
Wie es die lieben jungen Geschöpfe machen, oft mitten im Tanz in einem neuen Kleid zu erscheinen, und so an jedem Tanzabend wenigstens drei Mal ihre Garderobe zu wechseln, weiß ich nicht, aber Thatsache ist es, und unseren geplagten Haus- und Familienvätern fehlte weiter gar Nichts, als daß auch noch diese Mode bei uns eingeführt würde. Wer weiß freilich, was noch geschieht, denn der Luxus nimmt ja mehr und mehr überhand, und wird ordentlich raffinirt ausgebeutet.
Uebrigens kann ich nicht umhin zu bemerken, daß die Damen der backwoods vollkommen dazu berechtigt sind, an ein und demselben Abend so viele Kleider als möglich zu zeigen, denn sie fertigen sich dieselben selber an, und zwar nicht nur im Zuschnitt, Nähen und Besatz, sondern sie spinnen das Garn, färben und weben es, und machen sich ihr Kleid, und solcher öftere Wechsel an einem Abend ist demnach nicht leere Prunksucht, sondern ein viel eher zu rechtfertigender Stolz auf ihren Fleiß und ihre Geschicklichkeit.
Doch um wieder zu unserem Fest zurückzukehren, so hatten sich die Gäste schon lange alle versammelt, und nur Mrs. Fanny fehlte noch, nach der aber so viel gefragt wurde, daß selbst der ruhig von Einem zum Andern schlendernde Martin auf sie aufmerksam wurde, und sich erkundigte, wer es sei. Niemand konnte ihm aber eine andere Auskunft geben, als daß es eben Mrs. Fanny, eine junge, sehr liebenswürdige Witwe und Willis’ Schwägerin sei. Damit mußte er sich begnügen bis sie selber erschien.
Die Klötze waren indessen draußen schon alle zusammengerollt und in Brand gesteckt, und einige von Mrs. Warners intimsten Freundinnen hatten sich, ihr behilflich, des Kochgeschäfts unterzogen, damit der eigentliche Kern des Ganzen — der Ball — keine zu lange Verzögerung erlitt.