Martin war aber nirgends zu finden und nur gesehen worden, wie er eben in den Busch eintauchte. Wer aber konnte wissen, wohin er sich dort gewandt, denn auf dem, in der Nachbarschaft des Hauses gelegenen und vollständig hart getretenen Grund ließ sich natürlich keine Spur verfolgen.

Die Frauen wollten indeß Mrs. Willis in das Haus bringen, und bestanden darauf, daß sie sich wenigstens eine Stunde auf ein Bett legen solle, um ein wenig auszuruhen. Davon wollte die junge Frau aber gar Nichts hören. Sie behauptete, solche Ohnmachten schon drei- oder viermal in ihrem Leben, ohne weitere Folgen als eine augenblickliche Schwäche, gehabt zu haben. Das kam plötzlich, ging aber auch eben so rasch wieder, und hatte gar Nichts zu bedeuten. Auf alle weiteren Fragen — denn ein Verdacht war in der weiblichen Umgebung doch rege geworden, und so leicht beruhigte sich der nicht wieder — gab sie aber nur ausweichende Antworten, und drängte sogar jetzt selber, um mit dem Essen zu Stande zu kommen, da sie die Ursache gewesen, es so viel länger zu verzögern.

Willis kehrte zurück — er hatte Martin nirgends mehr gefunden, und suchte jetzt nur ein paar Worte mit seiner Schwägerin allein zu reden. Aber das ging nicht; es waren zu viele Damen in der Küche, und einen leisen Wink, den er ihr gab, doch einen Augenblick herauszukommen, verstand sie nicht, oder wollte ihn nicht verstehen. Er mußte es bis zu einer gelegeneren Zeit aufschieben.

Indessen hatte sich das Gerücht — Mrs. Fanny sei bei dem Anblick Martins ohnmächtig geworden — wie ein Lauffeuer unter den backwoodsmen verbreitet, denn etwas derartiges war natürlich von viel zu großem Interesse, um lange verschwiegen zu bleiben. Keiner von Allen konnte sich aber denken, welcher Zusammenhang zwischen den Beiden bestand, und vergebens suchte man Aufklärung bei den ladies; diese wußten so wenig davon wie sie selber, und Martin, der vielleicht allein Auskunft geben konnte — wenn er wollte — fehlte.

Jetzt endlich wurde zu Tisch gerufen — der Tisch war natürlich bei dem herrlichen Wetter draußen im Freien gedeckt worden, da die zahlreichen Gäste auch nicht einmal in dem Haus Platz gefunden hätten. Das Essen nahm aber nun auch die Aufmerksamkeit Aller vollständig in Anspruch, denn die Damen saßen am Tisch, und die jungen Leute, mußten sie indeß bedienen und die Speisen herumreichen. Es fehlte auch wahrlich nicht an Lebensmitteln, und als Getränk wurde süße und sauere Milch herumgereicht und von den Damen leidenschaftlich getrunken.

Jetzt hatten diese geendet und besonders den zarten Rippen eines jungen Bären, den Warner selber erlegt, und den süßen Kartoffeln und Bohnen alle Ehre angethan. Sie erhoben sich von ihren Plätzen, um den Männern Raum zu geben, und als sich diese niedersetzten, befand sich plötzlich Martin, ohne daß ihn ein Einziger hätte kommen sehen, mitten unter ihnen.

Willis, der ihm gerade gegenüber saß, sah ihn starr an, Martin aber that gar nicht, als ob das geringste Außergewöhnliche stattgefunden habe, und fiel nur mit einem Appetit über die Speisen her, der nichts zu wünschen übrig ließ — er brauchte wahrhaftig nicht genöthigt zu werden.

Auch Mrs. Fanny hatte ihn bemerkt, und obgleich es Mrs. Warner, die sie scharf beobachtete, vorkam, als ob sie im ersten Moment um einen Schatten bleicher geworden wäre, so konnte das auch recht gut Täuschung gewesen sein, denn das Sonnenlicht fiel schräg in Streif-Lichtern durch das Laub der Bäume nieder und wechselte dadurch rasch bald da bald dort hinüber den unsicheren Wiederschein der durch das Grüne doch gedämpften Strahlen. Soviel war gewiß, stand Mrs. Fanny mit jenem wunderlichen Menschen in irgend einer näheren Beziehung, so wußte sie das jetzt vortrefflich zu verbergen, denn sie zeigte sich vollkommen unbefangen, und lachte und scherzte wieder wie nur je; Martin dagegen nahm nicht die geringste Notiz weder von ihr noch Jemand Anderem, sondern schien nur Augen für die fettesten Bärenrippen oder die saftigsten Truthahnknochen zu haben, so daß er bald einen ganzen Rücken dieses höchst vortrefflichen Vogels auf seinem Teller mit den überfetten Fingern bearbeitete. Die Uebrigen hatten auch schon lange geendet, als Martin noch immer vor einer nicht unbeträchtlichen Quantität von Wildpret saß und einen frischen Becher Milch forderte, und mit einem aus tiefer Brust herausgeholten Seufzer verließ er endlich die noch immer reichlich besetzte Tafel — er konnte aber nicht mehr, und der Platz wurde auch gebraucht, da das junge Volk hier vor dem Haus im Freien tanzen wollte.

Willis gab sich jetzt die größte Mühe, einmal an Martin hinan zu kommen, um ein paar Worte allein mit ihm zu sprechen. Ob ihm dieser aber absichtlich auswich, oder nur aus geselligen Gründen die dichteste Gesellschaft suchte, ist ungewiß, kurz er kam nicht an ihn hinan, und jetzt verschlangen die munteren Töne der Violine bald alles Andere. Ja Martin sogar, den noch Niemand bei einem Tanze wirklich thätig gesehen — das Mittagessen abgerechnet — krempelte sich seine etwas langen Aermel in die Höh’ und sprang in eine lebendige „hornpipe“ mitten hinein.

Auch Mrs. Fanny tanzte, trotz einem jungen Mädchen, und mehr als einmal geschah es, daß sie mit Martin im „Ring“ zusammen kam, wobei dieser dann seine ganze Kunstfertigkeit entwickelte. Der Beifall, den er aber dabei erntete, war auch wirklich grenzenlos, denn je weniger die backwoodsmen bis jetzt geglaubt hatten, daß der kleine wunderliche Bursch überhaupt mit seinen „Hinterläufen“ arbeiten könne, desto mehr überraschte er sie durch seine wahrhafte Geschicklichkeit, mit denen er die raschen Tänze der Jigs und Hornpipes abklapperte. Der Jubel über diese Entdeckung brach sich denn auch in lauten Beifallbezeigungen Bahn, ohne daß Martin selber nur eine Miene dabei verzogen hätte. Er tanzte nicht allein als ob sich die Sache von selbst verstände, sondern behandelte das Ganze sogar mit einem Ernst und Eifer, wie eine übernommene Verpflichtung.