Der Justizrath machte von der Regel solcher gewissenhaften Menschen keine Ausnahme. Um zwei Uhr sollte gegessen werden, und von halb elf bis zwei Uhr quälte er sich denn auch, bei vierundzwanzig Grad Wärme im Schatten, in einem unbequemen schwarzen Frack und eben solchen Beinkleidern mit einem hohen Cylinderhut — seinen leichten Strohhut durfte er „anstandshalber“ nicht aufsetzen — pflichtschuldigst ab, um eine Anzahl ihm vollkommen gleichgültiger Menschen in ihren eigenen Wohnungen zu besuchen. Dort wurde er dann in die „beste Stube“ geführt, um sich, während Frauen und Töchter der Heimgesuchten als „noch nicht sichtbar“ in alle möglichen Seitengemächer schlüpften, eine Viertelstunde lang über gar Nichts mit dem Hausherrn zu unterhalten und von ihm beim Abschied die Versicherung zu hören, wie außerordentlich angenehm es ihm gewesen sei, den Herrn Justizrath wieder einmal begrüßt zu haben.

Dies beseitigt, stieg er die Treppe hinab, nahm unten aus seiner Westentasche ein kleines Blättchen Pappe, auf dem die Namen der verschiedenen Persönlichkeiten aufgezeichnet standen, und strich mit einem, aus voller Brust herauf geholten „Gott sei Dank! wieder Einer“ den betreffenden „Abgemachten“ fort.

Zum Tode erschöpft, aber mit dem beseligenden Bewußtsein, seine Pflicht erfüllt und sich dabei einen vortrefflichen Appetit geholt zu haben, kehrte er endlich kurz vor zwei Uhr in des Professors Wohnung zurück.

„Nun? Alles abgemacht?“ rief ihm dieser lachend entgegen.

„Alles,“ nickte der Justizrath vergnügt; „drei habe ich Gott sei Dank nicht zu Hause getroffen und nur meine Karte abgegeben. That mir leid, aber ließ sich nicht ändern. — Noch einmal hingehen kann ich nicht.“

„Du hast sie, Gott sei Dank, nicht zu Hause getroffen,“ schmunzelte der Professor, „aber es thut Dir leid. Bist Du ein wunderlicher Mensch, und weßhalb ludst Du Dir und Anderen eine solche Last auf? — Die armen Teufel müssen Dich jetzt auch wieder aufsuchen.“

„Ja, lieber guter Kuno,“ sagte der Justizrath, „das geht doch nun einmal nicht anders — die Form muß beobachtet werden, denn gerade die Form hält unsere ganze menschliche Gesellschaft zusammen.“

„Ich habe Dich nie für einen solchen Formmenschen gehalten.“