„Wer kann’s ändern,“ sagte der Justizrath achselzuckend, „aber dafür schmeckt mir jetzt das Essen auch desto besser, und heute Nachmittag suchen wir die alten Freunde in aller Gemüthlichkeit auf.“
„Und ohne Glacéhandschuhe.“
„Ohne Glacéhandschuhe, das versteht sich,“ bestätigte der Justizrath, „denn so lange ich Glacéhandschuhe an den Händen habe, bin ich nur höflich, sowie ich sie ausziehe, werde ich herzlich und vergnügt.“
Und jetzt wurde zu Tisch gerufen, nach Tisch der Kaffee wieder in der Laube getrunken, und dann beschloß die kleine Gesellschaft, gemeinsam den Medizinalrath Paßwitz zu überfallen, der von der Anwesenheit des Justizraths noch gar Nichts wissen konnte, und sich gewiß über das Wiedersehen eines alten Studiengenossen außerordentlich freuen würde.
Es mochte vier Uhr sein, als der Professor vorschlug, ihren Besuch nun abzustatten, da der Medizinalrath um Sechs regelmäßig, wie die Uhr schlug, in sein Kasino ging, und die Zeit — wenn ihn nicht Krankheit an sein Lager fesselte — nie versäumte. Nicht einmal durch eine Gesellschaft ließ er sich davon abhalten, und die kleine Karawane brach unverzüglich dahin auf.
„Herr Medizinalrath zu Hause?“ frug der Justizrath, der mit Elisabeth eine kurze Strecke voraus war und an der verschlossenen Thür geklingelt hatte. Ein alter Dienstbote öffnete, hielt sich aber nicht lange mit Erkundigungen oder Antworten auf, sagte einfach „Nein“ und schlug dem erstaunten Herrn die Thür wieder vor der Nase zu.
„Das ist ein hübscher Empfang,“ lachte der Justizrath, sich gegen den jetzt herankommenden Freund wendend. „Viele Umstände machte die Alte keinenfalls — wir scheinen doch zu spät gekommen zu sein.“
„Gott bewahre,“ sagte der Professor, mit dem Kopf schüttelnd, „eher ging die Sonne einmal aus Versehen im Westen auf, als daß Paßwitz um diese Zeit nicht im eigenen Hause hinter einer Tasse Kaffee säße. Das war nur eine Laune von dem alten Drachen, der der Besuch in diesem Augenblick aus irgend welchen Gründen ungelegen kam, aber sie wußte keinenfalls, daß ich dabei war, sonst hätte sie es doch wohl nicht versucht. Ich werde sie noch einmal citiren“ — und mit den Worten trat er an die Klingel und zog so kräftig, daß das ganze Haus von den Tönen der ziemlich großen Glocke wiederhallte.
Es dauerte nicht lange, so wurde die Thür — und zwar dießmal ziemlich heftig aufgerissen, und die Alte schien allerdings die Absicht gehabt zu haben, unangenehm über die neue Störung zu werden; die Person des Professors, den sie gut genug kannte, belehrte sie aber doch eines Besseren, und wenn sich ihr runzliches Antlitz auch nicht in freundlichere Falten zog, hielt sie doch die Thür offen und sagte nur mürrisch: „Der Herr Medizinalrath haben Besuch — wußte nicht, daß der Herr Professor dabei war.“
„Schon gut, Fräulein Isabella,“ nickte ihr aber dieser zu — „brauchen uns auch nicht anzumelden; ich weiß schon selber den Weg. Apropos, wer ist denn oben — doch kein Kranker?“